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Zur Debatte um Thälmann und andere

Von Gastautor | 19. April 2011

Als Nachtrag zum gestrigen Artikel “Schilderstürmerei” dokumentiert rz Auszüge aus der Rede, die Egon Krenz am vergangenen Samstag in Hamburg auf einer Gedenkfeier zum 125. Geburtstag des KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann gehalten hat.

“… wir erinnern heute an einen großen Deutschen. Seine Gegner wollen ihn klein halten, weil er Kommunist war: ein aufrechter, ein standhafter, ein kämpferischer. Deshalb wollen sie seine historische Rolle dem herrschenden Zeitgeist anpassen.


Als ich vor fünf Jahren hier in der Hansestadt zum 120. Geburtstag Thälmanns sprach, schloß ich mit den Worten: ‘Als Nicht-Hamburger glaubte ich, Thälmann würde auf der Liste der Ehrenbürger seiner Heimatstadt stehen. Leider habe ich mich geirrt. Gefunden habe ich aber den Namen des Generalfeldmarschalls Paul von Hindenburg, vor dem Thälmann bekanntlich warnte, wer ihn wähle, wählt Hitler und wer Hitler wählt, wählt Krieg. Eine geschichtliche Prognose, die leider Realität wurde. Wieviel Not und Elend hätten unserem Volk und der Welt erspart bleiben können, hätte man wenigstens in diesem Punkt auf Thälmann gehört.’

Ich hatte weder vor fünf Jahren Illusionen, noch habe ich sie heute, daß sich die Mehrheit der Damen und Herren der Hamburger Bürgerschaft von historischen Tatsachen anregen ließe, die Liste der Ehrenbürger mit dem Namen Thälmann zu bereichern. Dennoch: Die Hoffnung, so heißt es ja, stirbt zuletzt. Wer sagt denn, daß die jetzt regierenden Sozialdemokraten nicht nachholen könnten – wenn sie denn nur wollten –, was historisch und menschlich lange fällig gewesen wäre: den Hamburger Transport- und Hafenarbeiter, den Abgeordneten der Hamburger Bürgerschaft und des Deutschen Reichstages, den Präsidentschaftskandidaten, den politischen Gefangenen Adolf Hitlers, den Parteivorsitzenden der KPD postum zum Ehrenbürger der Stadt zu erklären.

Wenn man dafür noch die Begründung eines Zeitzeugen bräuchte, könnte man ruhigen Gewissens auf den aus dem Bürgertum stammenden deutschen Schriftsteller Heinrich Mann zurückkommen. Zum 50. Geburtstag Thälmanns schrieb er, was für eine solche Ehrung eigentlich ausreichen sollte: ‘Die proletarische Jugend hat Helden und darf zu ihnen aufblicken (…) Der gefangene Ernst Thälmann ist sehr stark, viel stärker als seine Peiniger (…) Thälmann ist ein wirklicher Arbeiter mit Fäusten und einem gesunden Verstand. Der Feind, der ihn gefangen hält, stellt von allem das Gegenteil dar.’ (1) [...]

Wenn man schon keine Achtung vor geschichtlichen Leistungen hat, sollte man wenigstens Respekt davor haben, daß Thälmann für seine Überzeugung das Wertvollste gegeben hat, was ein Mensch besitzt: sein Leben. Er hätte es retten können. Die Nazis hätten ihm ein gutbürgerliches Leben garantiert – wenn er denn abgeschworen, wenn er seine Überzeugung verleugnet hätte. [...]

Diese mutige Haltung regt mich zu der Frage an: Wie verhielten sich denn zu jener Zeit, als Thälmann im Gefängnis litt und nach fast elf­einhalb Jahren grausamer Haft ermordet wurde, Persönlichkeiten aus anderen politischen Lagern, die später in der Bundesrepublik politische Karriere machten? [...]

Da ist zunächst Konrad Adenauer. Um seine Pensionsansprüche zu wahren, schrieb der spätere Bundeskanzler am 10. August 1934 an den preußischen Innenminister, er habe die NSDAP ‘immer korrekt behandelt’. Er habe sich sogar einer Anordnung des preußischen Staatsministeriums widersetzt, nationalsozialistische Beamte ‘zwecks Disziplinierung’ namhaft zu machen, da er diese Anordnung ‘für unberechtigt und für ungerecht hielt’. Und weiter: 1932 habe er erklärt, ‘daß nach seiner Meinung eine so große Partei wie die ­NSDAP unbedingt führend in der Regierung vertreten sein müsse’. (2) Das paßt doch zu der Ungeheuerlichkeit, daß der Kommentator der sogenannten Nürnberger Rassengesetze, Globke, in der Bundesrepublik zum mächtigsten Mann hinter Adenauer werden konnte.

Bundeskanzler Kiesinger wurde schon 1933 Mitglied der NSDAP, arbeitete seit 1940 im Reichsaußenministerium. Dort stieg er bis zum stellvertretenden Leiter der Rundfunkpolitischen Abteilung auf. Unter anderem war er für die Verbindung zum Reichspropagandaministerium von Joseph Goebbels zuständig.

Altbundeskanzler Schmidt und Altbundespräsident von Weizsäcker dienten als Offiziere der faschistischen Wehrmacht. Sie waren unter anderem Teilnehmer an der Leningrader Blockade, bei der Hunderttausende Leningrader ums Leben kamen. Für ihren Einsatz erhielten sie Kriegsauszeichnungen, das Eiserne Kreuz 2. bzw. 1. Klasse. (3)

Diese exemplarischen Fälle würde ich unter normalen politischen Bedingungen nicht in eine Festrede aufnehmen. Wenn ich es dennoch tue, dann deshalb, weil im offiziellen Deutschland für die Bewertung von Kommunisten und Sozialisten ganz andere Maßstäbe, vorwiegend denunzierende und kriminalisierende, gelten: Seit 1956 ist die Partei Thälmanns verboten. Aktive Widerstandskämpfer gegen die Naziherrschaft wurden in der alten Bundesrepublik wegen ihres Eintretens gegen die Remilitarisierung verfolgt und bis heute nicht rehabilitiert. Es waren immerhin 250.000 politisch Verfolgte, gegen die Ermittlungsverfahren eingeleitet wurden. 10.000 von ihnen erhielten Gefängnisstrafen. [...]

Inzwischen sind aus dem konservativen Lager sogar Forderungen zu hören, die Partei Die Linke vom Verfassungsschutz flächendeckend bespitzeln und ein Verbot der Partei prüfen zu lassen. Ich schließe nicht aus, daß es einen inhaltlichen Zusammenhang zu der jüngsten ‘Extremismusklausel’ der Bundesregierung gibt, die letztlich auch den Widerstand junger Leute gegen Naziaufmärsche brechen soll.

Angesichts der Rolle, die Thälmann und seine Genossen im Kampf gegen den Naziterror gespielt haben und angesichts der Ungeheuerlichkeit, daß seine Mörder in der Bundesrepublik verschont wurden, sind die politisch Verantwortlichen dieses Landes gefordert, endlich den kommunistischen Widerstand in eine Reihe mit jenen Opfern des Naziregimes zu stellen, die aus anderen politischen Richtungen kamen. Dies sage ich auch angesichts des Blutzolls, den unter allen deutschen Parteien im Kampf gegen Hitler die Kommunisten am höchsten zu entrichten hatten.

Es bedurfte erst des Besuchs des US-Präsidenten in der Gedenkstätte Buchenwald, daß auch die deutsche Bundeskanzlerin diesen Ort des Schreckens, des Widerstandes, der Trauer und der Erinnerung besuchte. Wichtiger war ihr zuvor ein Besuch im früheren Untersuchungsgefängnis des MfS in Hohenschönhausen. Gelinde gesagt: Ein wirklich verdrehter Blick auf die deutsche Geschichte. Dies um so mehr, da beim Besuch der Kanzlerin in Buchenwald kein Wort über den antifaschistischen Widerstand der Arbeiterbewegung fiel, geschweige denn über Ernst Thälmann, der in Buchenwald ermordet wurde.

Es heißt, zu Jahresbeginn hätte es hierzulande eine Kommunismusdiskussion gegeben. Die muß ich wohl verpaßt haben. Was ich wahrgenommen habe, war eine Antikommunismusdebatte [...]

Wieso eigentlich soll man das Wort ‘Kommunismus’ nicht mehr gebrauchen dürfen? Nur deshalb, weil seine Gegner ihn auf Verbrechen reduzieren? … Doch: Wer fordert, über Kommunismus könne man nur noch dann sprechen, wenn man vorher Buße getan hat, darf auch beim Gebrauch des Wortes Kapitalismus nicht dessen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vergessen:

Welche Gesellschaftsordnung in Deutschland ist denn für zwei Weltkriege mit mehr als 80 Millionen Toten verantwortlich? Wer für Auschwitz? Wer für die nie heilenden Wunden der Kolonialkriege, die Ausrottung ganzer Völkerschaften? Wer für die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki? Wer für die Todesschüsse auf Patrice Lumumba, Martin Luther King, Salvador Allende, Bischof Romero …? Wer dafür, daß Mandela im rassistischen Gewahrsam auf Robben Island verbannt war? Wer für die Berufsverbote in der Bundesrepublik? Wer für die Todesschüsse auf Philipp Müller? Wer für die USA-Invasionen von Vietnam über Grenada, den Irak bis hin zum Krieg in Afghanistan? Und sind nicht diejenigen, die in Afghanistan Hochzeitsgesellschaften und Kinder bombardieren, die Gleichen, die jetzt unter dem Vorwand, die Zivilbevölkerung schützen zu wollen, Libyen bombardieren? So etwas gedieh und gedeiht doch auf dem Boden der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. [...]

Man muß kein Prophet sein, um vorauszusagen, daß Antikommunisten in den nächsten Wochen erneut Hochkonjunktur wittern. Im August jährt sich zum 50. Mal der Jahrestag des ‘Mauerbaus’– wie die Maßnahmen vom 13. August 1961 verkürzt genannt werden. … Wenn heute über die damalige Situation gesprochen oder geschrieben wird, verschweigt man bewußt, daß die DDR ihre Grenzen erst 16 Jahre nach Kriegsende und zwölf Jahre nach der Gründung der BRD geschlossen hat. [...]

Das Unglücksdatum der Deutschen ist nicht der 13. August 1961, sondern der Machtantritt Hitlers am 30. Januar 1933. Ohne ihn hätte es keinen Krieg, keine Besatzungszonen, keine zwei deutschen Staaten und folglich auch keine Grenze zwischen ihnen gegeben. ‘Keine sehr schöne Lösung, aber tausendmal besser als Krieg.’ Das sagten weder Walter Ulbricht noch Erich Honecker. So äußerte sich US-Präsident John F. Kennedy. Da ist es nun wirklich kein Wunder mehr, daß just am Tage des Mauerbaus Kennedy auf seiner Jacht segelte, de Gaulle sich auf seinem Landsitz erholte, Macmillan auf Jagd war und Adenauer seinen Wahlkampf nicht unterbrechen wollte. Ihnen war klar, daß der 13. August 1961 eine für alle Welt sichtbare Abgrenzung der Einflußsphären der vier Großmächte und der beiden deutschen Staaten war, abgesprochen im Juni 1961 zwischen Chruschtschow und Kennedy bei ihrem Gipfeltreffen in Wien.

Dafür allein die DDR verantwortlich zu machen, ist Falschmünzerei. [...]

Thälmann wird undifferenziert als ‘Gewährsmann Stalins in der KPD’ charakterisiert. Daß ein deutscher Kommunistenführer mit Vertrauen auf die Sowjetunion und auch ihren damaligen Repräsentanten Stalin schaute, kann doch nur im Zusammenhang mit der damaligen Zeit beurteilt werden. Daß er sein erstrebenswertes Ideal in der Sowjetunion verwirklicht sah, kann man ihm doch nicht zum Vorwurf machen. … Er teilte sein Vertrauen in die Sowjetunion mit so herausragenden Persönlichkeiten wie Georgi Dimitroff, Maurice Thorez, Klement Gottwald, Palmiro Togliatti, Wilhelm Pieck und vielen anderen. [...]

Wo Kritik an Thälmann notwendig ist, bin ich lernfähig. Sie wird aber undialektisch, wenn sie nicht im historischen Kontext steht, in Bewertung der nationalen und internationalen Situation, in Kenntnis der harten politischen Auseinandersetzungen seiner Zeit. [...]

Doch ich fürchte, daß unter dem Mantel des ‘Kampfes gegen den Stalinismus’ versucht wird, auch Thälmanns historische Rolle zu verkleinern. [...]

Thälmann war – wie alle Menschen – nicht unfehlbar. Das wurde in seiner Biographie, die zu DDR-Zeiten in hoher Auflage erschien, nicht verschwiegen. Heute werden von interessierter Seite die Dinge umgedreht: Seine Irrtümer werden zum Wesentlichen und seine Verdienste zur Nebensache. Das nenne ich nicht nur eine Fälschung. Das ist ein Versuch, die schwierige und nicht konfliktfreie Geschichte der KPD antikommunistisch umzuschreiben.

Mein Thälmann-Bild stütze ich neben dem Studium seriöser Dokumente vor allem auf Zeitzeugen, die die damaligen Kämpfe erlebt und nicht aus Akten erfahren haben. Einer von ihnen ist der Dichter Martin Andersen Nexö. Er schrieb schon 1936: ‘In dem heutigen Kampf zwischen Kultur und Barbarei, zwischen Mensch und Tier, Geist und Bestie (…) ist Ernst Thälmann das stärkste Symbol der menschlichen Kräfte geworden.’

Verteidigen wir gemeinsam dieses Erbe!”

Fußnoten
1 “Aber ich glaube an den Triumph der Wahrheit”, Ernst Thälmann zum 125. Geburtstag. Herausgegeben von Eberhard Czichon, Heinz Marohn, Wiljo Heinen, Verlag Wiljo Heinen, Berlin 2011, S. 9

2 Siehe Schreiben Adenauers an den Preußischen Innenminister vom 10. August 1934 (nach seiner Entlassung), abrufbar unter: www.konrad-adenauer.de/index.php?msg=10045. Weiteres Schreiben Adenauers vom 18. September 1962, die inhaltliche Richtigkeit des ersten Schreibens bestätigend, beide abgedruckt in: Delmer, Sefton; Die Deutschen und ich, Hamburg 1963, S.751 (1962 Faksimile), S. 752-60 (1934)

3 Vgl. Jonathan Carr, Helmut Schmidt. Econ, Düsseldorf/Wien 1985, S. 29. Zwei Bilder von 1942 belegen zudem das Eiserne Kreuz: Vgl. Hartmut Soell, Helmut Schmidt: 1918–1969. Vernunft und Leidenschaft. DVA, München 2004, zwischen S. 272–273; Jonathan Carr, Helmut Schmidt. Econ, Düsseldorf/Wien 1985, zwischen S. 136–137 (Hochzeitsfoto) bzw. Richard von Weizsäcker, wegen “besonderer Tapferkeit”, vgl. Rudolf Schröck, Richard von Weizsäcker: eine Bildbiographie, Heyne, München 1992, S. 79

Quelle: jungeWelt, 19.04.2011


Stichworte: Antikommunismus, DDR, Deutschland, Extremismus, Faschist, Geschichte, Gesellschaftsordnung, Hitler, Kapitalismus, Kommunismus, KPD, Krieg, Nazis, NSDAP, Propaganda, Regierung, Sowjetunion, Thälmann, Widerstand

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