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Hinter den Zahlen

Von Klaus Wallmann sen | 5. September 2010

Ein “mark”, dem wir nichts Böses unterstellen, schickte rz heute einen weiteren Kommentar mit einer weiteren Zahl zum Thema Integration.

“Habe dazu diesen Link gefunden, in dem der Spiegel von ca. 14% Abiturienten spricht. [gemeint ist die Gruppe der Türken bzw. der Menschen mit türkischem Migrationshintergrund - K.W.]
Der Bildungsbericht 2010 spricht wohl sogar nur von 10,3%, ich konnte das aber nicht selber prüfen, habe es nur übernommen. Quelle wäre wohl: Bildungsbericht 2010, Tabelle B5-3.”

Da haben wir nun zwei Zahlen, die nicht weiter kommentiert werden, und die völlig offen lassen, was “mark” dazu bewegt sie uns zu präsentieren. Wie gesagt, ich unterstelle ihm nichts Böses, doch offensichtlich macht auch er es sich gern leicht. Hätte er den Artikel des “Spiegels” sorgfältig gelesen und dann auch noch geschaut, was andere – ebenfalls bürgerliche – Blätter dazu schreiben, so hätte er viel wichtigere Erkenntnisse aus diesem Pressestudium ziehen können, als diese beiden auch noch unterschiedlichen Zahlen.

Der “Spiegel” berichtet über eine neue Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Wie berichtet er? Der “Spiegel” erwähnt, daß die Wissenschaftler erstmals auch ein “Ranking der einzelnen Bundesländer nach ihrem Integrationserfolg” erstellt haben. Doch man veröffentlicht die Rangfolge nicht, sondern beschränkt sich auf die besonders großen “Mißstände” im Saarland, wo “45 Prozent der Türken und Türkischstämmigen … ohne jeglichen Bildungsabschluss” sind. Was man wohl als tendenziös betrachten darf. Um mehr zu erfahren, muß man weitersuchen.

Bei der “Zeit”, die über die gleiche Studie berichtet, geht es etwas gewissenhafter zu. Bremen, Niedersachsen und das Saarland sind die Schlußlichter dieser Rangfolge, die Spitzenreiter sind Hessen und Hamburg. Die “Welt” beschränkt sich auch nicht auf die Türken, sondern bezieht sich auf alle Migranten. Mit 28 Prozent liegen diese in Hessen in Sachen Hochschulabschluß vor den Deutschen (24 Prozent). Mit 28 Prozent besuchen kaum weniger Migranten die gymnasiale Oberstufe als ihre deutschen Mitschüler (31 Prozent). In Hamburg besitzen gar 40 Prozent der Migranten die Hochschulreife und 29 Prozent einen Uni-Abschluß.

All dies ist zumindest ein starkes Indiz dafür, daß Sarrazins “Thesen” über die sich vererbende Dummheit verschiedener Bevölkerungsgruppen und deren dafür angeblich ursächlichen gentechnischen, kulturellen, ethnischen oder religiösen Befindlichkeiten, schlichter, wenn auch gefährlicher Nonsens sind, wobei Kultur und Religion natürlich in stetem Wechselspiel mit der gesellschaftlichen Entwicklung stehen. Doch an dieser Stelle könnte man schließen, daß es lokalbedingte gesellschaftlich-politische Ursachen sind, die einen starken Einfluß auf die Bildungserfolge der Migranten haben. Was die folgende Feststellung der Studie auch bestärkt.

“Die ostdeutschen Bundesländer haben mit rund fünf Prozent den geringsten Anteil von Zuwanderern. Zudem profitieren sie nach Ansicht der Autoren von positiven Nachwirkungen der Migrationspolitik der DDR-Zeit, als hochmotivierte Menschen nach Ostdeutschland kamen. Nur 6 Prozent der Zuwanderer hätten keinen Schul- oder Berufsabschluss. 43 Prozent besäßen die Hochschulreife – der höchste Wert aller Bundesländer.”

Das lasse ich jetzt mal schmunzelnd unkommentiert und wende mich statt dessen der “Süddeutschen” vom 17.06.2010 zu. Die schreibt an diesem Tag doch tatsächlich, der Bildungserfolg sei abhängig von der sozialen Herkunft, was wohl sowohl für Einheimische wie für Migranten gelten dürfte. Daß zu diesem Zeitpunkt “17 Prozent der jungen [deutschen!] Menschen unter 30 Jahren ohne Berufsabschluss” einen neuen “Höchststand” darstellen, und es bei den Jugendlichen aus Migrantenfamilien sogar 30 Prozent sind, das belegt nur die katastrophale Lage des deutschen Bildungssystems, womit wir eine weitere eindeutig gesellschaftliche Ursache entdeckt haben dürften. Daß sich dies auf sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen wie Hartz-IV-Empfänger oder Migranten überproportional negativ auswirkt, das dürften selbst Klippschüler erkennen. Und wenn sich die “Integrationsbeauftragte” der Bundesregierung, die Frau Böhmer von der CDU hinstellt und “die nach wie vor schlechten Bildungs- und Berufschancen für Kinder mit Migrationshintergrund” schlicht als “dramatisch” bezeichnet, so ist das zwar richtig, doch in meinen Augen reine Heuchelei.

Denn sie und ihre Genossen sind es, die dafür die politische Verantwortung tragen, die “nach wie vor” die Steuergelder der Bürger an Banken und Monopolherren weiterleiten, während sie “nach wie vor” erheblich weniger Geld für Bildung ausgeben als andere vergleichbare Industrienationen. “Gemessen am Bruttoinlandsprodukt sanken jedoch die Gesamtausgaben [für Bildung] von Staat und Privatwirtschaft von 6,8 Prozent (1995) auf 6,2 Prozent (2008).” Merkels “Bildungsland Deutschland” – da lachen sogar die Journalisten der “Süddeutschen”, wenn wahrscheinlich auch nur im Keller. Doch es gibt eigentlich nichts zu lachen wenn man weiß, daß 40 Prozent unseres Bildungspersonals und 50 Prozent unserer Lehrer älter als 50 Jahre sind, und wenn man weiß, daß im Westen noch immer 55 Prozent aller in der Kindertagespflege Beschäftigten nicht über die geforderte Minimalqualifikationen verfügen. Was die “Welt” nur noch bestätigen kann. Sie nennt die “Lücken” in der vorschulischen Erziehung eine Hypothek, die die Schule übernehmen muß. Was sie aber offensichtlich aus objektiven Gründen nicht kann. Denn, so die “Welt”: “Im schulischen Bereich selbst wirken sich ebenso wie im Vorschulsektor der Mangel einschlägiger pädagogischer Konzepte und das Fehlen entsprechend qualifizierter pädagogischer Kräfte aus.” Wobei dieser “Mangel” natürlich auch seine Ursachen hat. Die ethnische Herkunft, die religiöse Verfassung oder der gentechnische Zustand der Kanzlerin und ihrer Mitstreiter dürfte damit wohl am allerwenigsten zu tun haben.

Das ist es, lieber “mark”, was hinter diesen Zahlen wirklich steht: gesellschaftliches Leben. Erklärt wird es einem sogar in den bürgerlichen Massenmedien – mehr oder weniger -, doch man muß sich schon selbst ein wenig mühen, den eigenen Kopf anstrengen. Daß man in jeder Zeitung immer nur ein Stückchen des Ganzen zu sehen bekommt, daß ist Methode. Denn gesellschaftliche Zusammenhänge sollen und wollen diese “freien” Medien gar nicht darstellen. Könnten die Leut doch sonst auf die Idee kommen, daß es ganz andere Ursachen sind, die diese “Lücken”, “Mängel”, “Defizite”, “Mißstände” hervorbringen. Und sie könnten versucht sein, diese Ursachen abzuschaffen. Deswegen ist auch der Protest gegen Sarrazin so zahm. Man braucht solche Leute genauso wie die Medien – zur Ablenkung der Leut.

Klaus Wallmann sen.


Stichworte: Bildung, Bildungspolitik, Gesellschaftsordnung, Integration, Kapitalismus, Migranten

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Thema: Bildung/Ausbildung, Medien, Politik | Keine Kommentare »
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