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“Hart aber fair”: Beginnende Demontage

Von Klaus Wallmann sen | 2. September 2010

4,13 Millionen Menschen sahen sich gestern die Sendung “Hart aber fair” an, zu der Moderator Plasberg neben Thilo Sarrazin die Journalistin und WDR-Moderatorin Asli Sevindim, den Publizisten Michel Friedman und den SPD-Sozialexperten Rudolf Dressler eingeladen hatte. Ach, und dann war da noch Arnulf Baring, “Historiker” und Politikwissenschaftler. Dieser sollte offensichtlich seinem Bruder im Geiste Schützenhilfe leisten, doch das erwies sich schnell als Fehlbesetzung: “Der ganze Biologismus ist mir eher fremd und scheint mir auch der Argumentation des Buches nicht zu nützen, sondern eher zu schaden … Ich kann manches in dem Buch nicht beurteilen, da halte ich lieber den Mund.” Der kluge Herr Baring weiß warum.

Im Gegensatz zu Beckmann war Plasbergs Sendung ein Schritt in die richtige Richtung. Was vor allem am Moderator selbst lag, der vorhatte auf die “Methode” des Herrn Sarrazin einzugehen. Das ihm dies nur teilweise gelang, das lag vor allem an seinen Gesprächspartner, die immer wieder Ausflüge in die Moral und die Polemik unternahmen. Wobei Friedmanns Beschreibung der Sarrazinschen Äußerungen als “menschenfeindlich, gewalttätig und respektlos” und vor allem “rassistisch” natürlich korrekt ist. Nur wird man so eben nicht mit dessen “Thesen” fertig.

Doch dieser einzige etwas heftigere Ausbruch Friedmanns zeugte überraschenderweise eine ebenso überraschende Reaktion Sarrazins. Erstmals retirierte der Herr, wenn auch nur halbherzig. Er erklärte seine Genlehre zu einem “Riesenunfug”, den er mit seiner “eigenen Dummheit” begründete, wollte von “inhaltlicher Falschheit” aber nicht sprechen. Gefallen sei der inkrimierte Satz nur, so Sarrazin, weil ihn WELT-Journalisten auf’s Glatteis geführt hätten und er leider in diese Falle getappt sei. Er, der inzwischen zum Profi in Sachen Medien geworden sein dürfte?

Die Demontage dieses selbsternannten “Wissenschaftlers”, der auch in dieser Sendung nicht vergaß zu erwähnen, er sei kein Genetiker, ging weiter. Eine seiner Thesen lautet: “Intelligenz wird zu 50 bis 80 Prozent vererbt”, und er betont dabei immer, daß sie auf angeblich neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen gründe. Dabei stützte er sich auch gestern auf die Verhaltensforscherin Elsbeth Stern (sh. auch “Elsbeth Stern im Gespräch über Gene und Intelligenz”). Dies wohl vorausahnend, hatte Moderator Plasberg denn auch ein Statement der Wissenschaftlerin zu dieser These parat: “Mit seinem mehrfach wiederholten Satz ‘Intelligenz ist zu 50 bis 80 Prozent erblich’ zeigt Thilo Sarrazin, dass er Grundlegendes über Erblichkeit und Intelligenz nicht verstanden hat. Deshalb muss man auch viele seiner Folgerungen infrage stellen.
Damit ist eine grundsätzliche These Sarrazins zumindest in Frage gestellt. Zum anderen beweist die Reaktion des so Vorgeführten, daß man wohl eher nicht mit ihm, sondern über seine “Thesen” in der Öffentlichkeit diskutieren sollte. Nach kurzer Fassungslosigkeit beharrt er darauf, daß seine Schlußfolgerung, nach der Dumme ihre Dummheit weitervererben, absolut richtig sei, obwohl ihm gerade seine wichtigste wissenschaftliche Referenz dafür abhanden gekommen war.

Doch eine weitere Niederlage stand an. In seinem “Werk” rechnete der “Statistiker” Sarrazin aus, daß die Deutschen bei fortgeschriebener Entwicklung in 120 Jahren eine Minderheit im eigenen Land wären, weil mehr als 71 Prozent der Einwohner dann einen Migrationshintergrund haben würden. Das Plasberg-Team und das Statistische Bundesamt rechnete mit der Sarrazinschen Methode aus, daß ausgehend vom Jahr 1890 Deutschland heute 250 Millionen Einwohner haben müßte. Tatsächlich sind es aber nur 80 Millionen.

Mit der Distanzierung von Frau Stern und dem Zusammenbruch seines statistischen Modell der Bevölkerungsentwicklung ist auch das Fundament seiner “Argumentation” faktisch zusammengebrochen. Aber das ficht den Fakten- und Zahlenmenschen Sarrazin nicht an. Er geht drüber hinweg, ignoriert was ihm nicht paßt, und fühlt sich ständig falsch verstanden. “Wenn Sie mein Buch gelesen hätten, dann …”, so jeder zweite Satz, oder es kommt ein: “Nein, das habe ich so nicht gesagt.” (Dazu auch ein Artikel in der ZEIT) Daß der Herr sich am Ende der Sendung derart “verteidigt”, daß seine “Modellrechnung” – die seine “Abschaffung Deutschlands” begründet – “satirisch” zu verstehen sei, das war der krönende Abschuß dieses Abends.

Jedoch nicht das Ende der eben erst beginnenden Verarbeitung. Denn Sarrazins Rückzug auf das Gebiet der Satire mag an seiner persönlichen Glaubwürdigkeit kratzen, doch seine “Thesen” gerade zur jetzigen Zeit haben Ursachen, die es aufzudecken gilt. Wird es doch immer offensichtlicher, daß bei Sarrazin erst die “Thesen”, die Behauptungen und Pauschalisierungen vorhanden waren, zu denen er sich erst dann die passenden Zahlen und Fakten gesucht hat. Was nichts mit wissenschaftlicher Methodik zu tun hat. Statt dessen wendet er Tricks an, wozu auch die bewußte Vermischung von Wahrheit und Lüge gehört. Tatsächlich sind manche seiner Beschreibungen zutreffend, nur mit den daraus gezogenen oder vermuteten Ursachen haben sie nichts zu tun.

Es ist daher mehr als bedauerlich, wenn der “Sozialexperte” Dressler den Parteiausschluß Sarrazin’s nur wegen der die Buchveröffentlichung “begleitenden Äußerungen” befürwortet, und explizit nicht wegen der “Inhalte seines Buches”. Denn beides gehört untrennbar zusammen und gerade der Inhalt des Sarrazinschen Buches ist es, den auch die SPD ernsthaft diskutieren sollte.

Hoffen wir, daß es Maybrit Illner und ihren Gästen – darunter Grünen-Chef Cem Özdemir und die Politologin Naika Foroutan – heute Abend gelingt, inhaltlich über Sarrazin’s Thesen zu diskutieren und neue Erkenntnisse an den Tag zu bringen. Haben sie doch den unschätzbaren Vorteil, sich nicht mit der Person Sarrazin herumschlagen zu müssen.

Klaus Wallmann sen.


Stichworte: Baring, Demagogie, Hetze, Kapital, Politik, Rassismus, Sarrazin, Wissenschaft

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