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Wem gehört die “Freie Presse”?

Von Klaus Wallmann sen | 24. Januar 2005

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Als ich Anfang November 2003 begann, auf dieser Website meine Leserbriefe an die “Freie Presse Chemnitz” zu veröffentlichen und ich mich darüber hinaus mittels Randbemerkungen und Artikeln zum “Qualitätsjournalismus” unserer “freien” bürgerlichen Massenmedien äußerte, interessierte es mich natürlich, wer mir denn da gegenübersteht, wer da seinen Einfluß auf den Inhalt dieser Zeitung geltend macht. Mindestens zweimal fragte ich daher bei den Verantwortlichen in Chemnitz nach, wem die “Freie Presse” gehört. Das ich darauf nie eine Antwort erhielt und erhalten würde, das wurde mir spätestens dann klar, als ich die Recherchen zu dieser Frage auswertete.

Der Besitzer der “Freien Presse” dürfte meine Bemühungen mißbilligt haben, wenn er denn davon gewußt hätte, denn der Pfälzer scheut das Rampenlicht. Warum das so ist, weiß niemand so genau. Jedenfalls mag er es generell nicht, wenn man über ihn spricht. Deshalb werden seine Mitarbeiter bei der Einstellung auch vergattert, keine Details über den Chef und sein Presseimperium auszuplaudern. Mitte der 1980er Jahre erklärte ein schwatzhafter Öffentlichkeitsbeauftragter, daß die Firma seit Jahren mit einem “Informationszölibat” lebt, “mit dem wir gut gefahren sind”.
(Somit erklärt sich auch das Schweigen des Chefs vom Dienst, Günter Sonntag, sowie ein Satz in seiner Mail vom 24.11.2004: “In Ausübung meiner Funktion werde ich mich auch künftig an die Regelungen und Weisungen der Chefredaktion und der Leitung des Unternehmens halten…”)

Diese Verschwiegenheit mag dazu beigetragen haben, daß aus einer einzigen Zeitung eines der größten Presseimperien Deutschlands werden konnte, und das nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit.

“Wissen, was läuft”

Dieser Slogan ziert das Eingangsportal der Ludwigshafener Zeitung “Rheinpfalz” (http://www.rheinpfalz.de), der Lieblingslektüre von Ex-Kanzler Kohl, die er sich sogar per Eilboten nach Bonn zustellen ließ. Diese Zeitung ist die Keimzelle eines heute verschachtelten Verlagskonglomerats, dessen verschwiegener Chef schon früh wußte, was läuft.

Mitte 1945 wurde “Die Rheinpfalz” von fünf Zeitungsleuten, einem Anzeigenkaufmann, einem Verlagskaufmann, einem Metteur, einem Rotationer und einem Setzer gegründet. Tatkräftige Unterstützung fanden sie bei den französischen Alliierten, die ihnen die Lizenz für eine Regionalzeitung gaben.
Einer der Gründer war Josef Schaub, der Großvater der heutigen Chefs. Er besaß eine kleine Druckerei bei Neustadt an der Weinstraße. Dort, wo die Familie Schaub noch heute wohnt, erschien am 29. September 1945 das erste Exemplar der neuen Zeitung. Zwei Jahre später betrug die Auflage 200.000 Exemplare.

Zu diesem Zeitpunkt verstärkten die USA bereits ihre feindselige Politik gegenüber der Sowjetunion, und man mußte schon genau “wissen, was läuft”, um seine Lizenz nicht zu verlieren. Denn natürlich wollten die Amerikaner auch die Presse vor den Karren des “Kalten Krieges” spannen.
Doch mit der erwarteten “Freiwilligkeit” der Lizenzzeitungen war es nicht weit her. Die meisten Lizenzblätter widersetzten sich dem Ansinnen, zwei Jahre nach der Befreiung vom Faschismus schon wieder einen antikommunistischen Kreuzzug zu predigen und aus den Zeitungen erneut “geistige Munitionsfabriken” zu machen. Diesen zu begrüßende Widerstand gegen die neue “Gleichschaltung” bezahlten viele, die ihre Gesinnung nicht preisgeben wollten, mit dem Verlust ihrer Lizenz. Die Geschichte der “Frankfurter Rundschau” liefert dafür ausreichende Beispiele.
Wer sich anpassungsbereit zeigte, durfte seine Lizenz behalten. Die Familie Schaub behielt ihre Lizenz und konnte sie sich 1949 “vergolden” lassen. Aus den ehemaligen Lizenzinhabern wurden private Verleger. Was sie bis zu diesem Zeitpunkt nur als Treuhänder der Besatzungsmacht verwalteten, wurde jetzt zu ihrem persönliches Eigentum.
Die Umwandlung paßte zur allseitigen Wiederherstellung der alten kapitalistischen Gesellschaftsordnung, und sie zeugte von der Klugheit der westlichen Besatzungsmächte: das neugewonnene Dasein als frischgebackener Unternehmer prägte das Bewußtsein und das Handeln der ehemaligen Lizenzträger weit mehr als Druck, Einschüchterung und Lizenzentzug.

Die “Rheinpfalz” ist noch immer im Besitz der fünf Gründer. Die gleichen Familien halten mittelbar oder unmittelbar die Anteile an der Medien-Union. Neben der Familie Schaub als Mehrheitsgesellschafter mit 50,5 Prozent der Anteile sind die Nachfahren der anderen Gründer Arthur Lenk, Hans Wipprecht, Xaver Resch und die Familie Nagel im Handelsregister eingetragen. Welchen Einfluß die Erben gegenwärtig haben ist unbekannt.

Ihre marktbeherrschende Stellung verdankt auch die “Rheinpfalz” weniger dem oft bemühten “freien Spiel der Kräfte” als vielmehr der anfänglichen Ausschaltung jeder Konkurrenz durch die Besatzungsmacht. Sie sicherte ihnen den marktbeherrschenden Vorsprung.

Expansion

Der Vater hatte den Grundstein für den kleinen, aber sicheren Erfolg seines Unternehmens gelegt. Doch seinen Sohn Dieter, der 1964 die Leitung der “Rheinpfalz” übernahm, drängte es nach schneller Expansion. So schlug er zu, als die Familie Bosch ihren 30-prozentigen Anteil an der “Stuttgarter Zeitung” zum Verkauf anbot. (Aktuell dürfte sein Anteil bei 45 Prozent liegen.) Gleichzeitig kam er dadurch in den Besitz des Immobilienvermögens im Zentrum der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg.

Als nächstes wollte Dieter Schaub Anfang 1971 den “Mannheimer Morgen”, daß zweitgrößte Blatt der Region, in seinen Besitz bringen. Dieser war seit 1953 in Ludwigshafen vertreten und hatte somit einen Fuß im Verbreitungsgebiet der “Rheinpfalz”. Daraus ergaben sich zwei Möglichkeiten. Entweder harter Konkurrenzkampf, der allerdings die Gefahr enthielt, daß sich zwei Konkurrenten gegenseitig aufrieben, oder ein Zusammenschluß zu einem Monopol, das dann keine Mühe haben dürfte, andere Konkurrenten zu schlucken.
Anfang der 1970er Jahre gab man daher der “friedlichen” Lösung den Vorzug.
Doch der Handel platzte. Warum, das ist bis heute nicht genau geklärt. Offiziell waren es Uneinigkeiten bei “organisatorischen Fragen”. Doch vielleicht war es auch die Angst des lokalen Konkurrenten vor dem schaubschen Appetit.

Während danach das “Informationszölibat” wirkte, und auch der “Spiegel” nur zu berichten wußte, daß der schweigsame Verleger zu Geschäftsreisen gern Flugzeuge chartert und am Wochenende mit seiner Luxusjacht auf den heimischen Binnenseen kreuzt, erweiterte Herr Schaub in aller Stille sein Imperium. Er gründete die SÜWE Vertriebs- und Dienstleistunggesellschaft mbH & Co. KG, einen Zeitungsvertrieb, der zu seiner größeren Unabhängigkeit beitragen sollte. Dann wurde er Geschäftsführer der “Stuttgarter Zeitung”, gab den Posten nach internen Streitigkeiten aber wieder auf. Doch seine “Medien-Union” wuchs stetig.

Erst Mitte der 1980er Jahre trat er wieder in das Licht der Öffentlichkeit, in das ihn die Schweizer Boulevardpresse hob. Ein dubioser Finanzskandal war die Ursache. Ausgangspunkt dieses Skandals war wieder der Expansionsdrang Schaubs, wobei er 40 Millionen Schweizer Franken in neue Projekte in der “Keimzelle Schweiz” investieren wollte. Schon 1984 hatte Schaub in die konkursgefährdete Benziger AG in Zürich/Einsiedeln investiert.
Doch der als “Rudolf S.” bezeichnete Treuhänder veruntreute die ihm anvertrauten Millionen, so daß Schaub am Ende nur Besitzer eines heruntergekommenen Hotelkomplexes an der Luzerner Riviera war, und Benziger noch immer die Pleite drohte.
Zur Niederlage kam der öffentliche Spott. So höhnte die “Luzerner Neueste Nachrichten”: “Doktor Schaub ist leider von Armleuchtern umgeben.”

Rückzug

Dies mag einer der Gründe dafür gewesen sein, daß sich Schaub nun völlig aus der Öffentlichkeit zurückzog.
Zum Frontmann wurde 1987 der clevere Jürgen Richter, ein bekannter Top-Manager, der seine Laufbahn nach dem Studium der Betriebswirtschaft und anschließender Promotion im Jahre 1970 als Vorstandsassistent bei Gruner + Jahr begann. In den folgenden Jahren arbeitete er in beinahe allen Bereichen der deutschen Medienlandschaft in Führungspositionen. Als Geschäftsführer der Konzernholding Medien-Union Ludwigshafen sanierte er den von Schaub übernommenen Westermann-Verlag.

Herr Richter in einem Interview mit “DIE ZEIT” 1997 (da war er für den Springer-Konzern tätig):
“Natürlich müssen die Redaktionen wissen, wofür das Haus Springer politisch steht. Für unsere Leser sind wir ein konservatives, bewahrendes Haus mit einem starken Bekenntnis zu diesem Staat, zu dieser Demokratie. Das soll auch so bleiben.”
” Natürlich könnte ich sie viel billiger kurz hinter der Grenze in Holland, Frankreich, Dänemark drucken lassen. Doch aus unserem Anspruch heraus erhalten wir die Wertschöpfungsstrukturen, wie sie bei Springer sind. Aber die Kosten müssen stimmen. Und deshalb haben wir über neue Arbeitsmethoden, Arbeitsorganisationen und Arbeitsabläufe verhandelt und mit den Betriebsräten Einvernehmen erzielt.”
“Ich kann die Gesellschaft nicht verändern.”
“Wir praktizieren wirklich soziale Partnerschaft mit unseren Betriebsräten.”

Bevor er Ende 1993 seinen Posten aufgeben mußte, und 1994 in den Vorstand der Axel Springer Verlag AG berufen wurde, wo er nur zwei Monate später zum Vorsitzenden wurde, und 1998 zu Bertelsmann wechselte, machte Richter seinem Chef noch ein großes Geschenk. 1990 akquirierte er als erster westdeutscher Zeitungsverleger die größte Tageszeitung Ostdeutschlands, die “Freie Presse” in Chemnitz.

Die Übernahme

Die “Freie Presse” galt 1990 mit 663.700 Exemplaren als auflagenstärkste regionale Tageszeitung der DDR. Sie war zu DDR-Zeiten das Organ der Bezirksleitung der SED Karl-Marx-Stadt. Heute ist die “Freie Presse” die regionale Presseanstalt des Regierungsbezirks Chemnitz. Sie hat eine Auflage von knapp 400.000 Exemplaren. Ihr Sitz ist in Chemnitz und sie gehört zur Medien-Union GmbH, also Herrn Dieter Schaub.
Die “Freie Presse” soll allerdings nicht wie die meisten anderen DDR-Zeitungen durch die Treuhandanstalt zur Privatisierung ausgeschrieben worden sein. Sie soll ohne Ausschreibung an die Medien-Union GmbH Ludwigshafen gegangen sein, die immerhin 100 Millionen Euro dafür zahlte. Und das, obwohl es auch andere Verlage gegeben haben soll, die an diesem Filetstück der DDR-Verlagslandschaft interessiert waren, wie z.B. die “Rheinische Post”.

Ergänzung 10.12.05: Eine Anfrage an die Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben – eine Nachfolgeorganisation der Treuhandanstalt – erbrachte bisher folgende Informationen:
Der VEB Verlag Freie Presse wurde im Juli 1990 umgewandelt in den Verlag Freie Presse (GmbH im Aufbau). Bereits im Juni wurde mittels Umwandlungsgesetz aus dem VEB Druckhaus Karl-Marx-Stadt die Druckhaus Chemnitz GmbH, und aus dem VEB Grafische Werke Zwickau die Grafische Werke Zwickau GmbH.
Im Oktober des gleichen Jahres wurden diese drei GmbH’s von der Treuhandanstalt an die Chemnitzer Verlag und Druck GmbH verkauft. Über “Inhalt und Regelungen des Kaufvertrages” darf mir die BVS keine Auskunft geben, doch auf Nachfrage bestätigte sie mit am 30.11.2005 zumindest, daß es “im vorliegenden Fall” ein Ausschreibungsverfahren und “mehrere Kaufinteressenten [gab], die Angebote abgegeben haben”. Bleibt also die Frage zu klären, woher der “Kaufinteressent” Chemnitzer Verlag und Druck GmbH kam und wer dahinter stand.

Die Treuhand scheint nach diesen Selbstauskünften am Verkauf der “Freien Presse” an Herrn Schaub, der noch im gleichen Jahr erfolgte, nicht beteiligt gewesen zu sein. Die BVS gibt mir zum Schluß ihres Briefes den Rat, daß ich mich “hinsichtlich weiterer Fragen direkt an die Chemnitzer Verlag und Druck GmbH” wenden soll. Diesem Rat bin ich inzwischen gefolgt.

>> Antwort der Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG betr. Verkauf der “Freien Presse” an die Medien Union
>> Nachfrage an den Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG betr. Verkauf der “Freien Presse” an die Medien Union

Wie man dieser geschraubten Antwort entnehmen kann, hüllt sich der Verlag nicht nur in Schweigen – womit sich auch heute noch die Existenz des zu Anfang erwähnten “Informationszölibats” bestätigt -, er dementiert nicht einmal die Informationen, die ich dem Internet entnehmen konnte.

Dort, wo im Impressum der FP heutzutage als Herausgeber die “Medien Union GmbH Ludwigshafen” angegeben wird, fehlte 1990 diese Information. Und auch im Jahr darauf wurde an dieser Stelle nur ein “Verantwortlicher” Dr. Jürgen Richter genannt, was nur für Informierte Rückschlüsse auf den neuen Besitzer zuließ.
Warum die Übernahme so lief, darüber habe ich bisher nur Vermutungen gefunden. So wurde später kolportiert, daß die guten Kontakte Schaubs zu Kohls damaligem Ministerialdirigenten Johannes Ludewig eine große Hilfe gewesen sein sollen.

Herr Ludewig war von 1975 bis 1983 im Bundeswirtschaftsministerium tätig, 1983 wechselte er ins Kanzleramt, wo er ab 1991 Leiter der Abteilung Wirtschafts- und Finanzpolitik sowie für die Koordination der neuen Bundesländer zuständig war. Von 1995 bis 1997 war Ludewig Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium sowie Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Bundesländer. Von 1997 bis 1999 war er Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG, von 2000 bis 2002 Unternehmensberater bei “Ludewig Consulting”. Seit 2002 ist Johannes Ludewig Exekutivdirektor der Gemeinschaft der Europäischen Bahnen (CER). Hervorgehoben werden oft seine “exzellenten politischen Kontakte”.
Wegen seiner “bemerkenswerten Fehlleistungen im Umgang mit der deutschen Sprache” wählte ihn die Mitgliederversammlung des “Vereins zur Wahrung der deutschen Sprache e.V.” 1999 zum “Sprachpanscher des Jahres”. Damit wurde der konsequente Ausstieg aus der deutschen Sprache durch die von Dr. Ludewig geführte “Deutsche Bahn AG” honoriert (“service points”, “ticket counters”, “db-lounges” und “McCleans”).

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang noch die Tatsache, daß sich Ex-Kanzler Kohl bemüßigt fühlte, in einem Leserbrief an “manager-magazin.de” jede Beziehung zu den Schaubs explizit zu bestreiten: “Ich lege Wert auf die Feststellung, dass es die angedeutete besondere Beziehung zu den Herren Schaub nicht gab und gibt.”

Die Nachfolger

Trotz dieses tollen Coups mußte Geschäftsführer Richter gehen, denn Schaubs Söhne Thomas und Michael wollten die Konzernführung übernehmen. Dabei störte der dominante Richter. Bereits 1992 soll Dieter Schaub dies erkannt haben: “Ich muss das Problem Richter lösen, bevor der Thomas kommt.” Im Dezember 1993 gab es ein Abschiedsessen, eine Abfindung und natürlich eine Vereinbarung, Stillschweigen über das Medien-Imperium zu bewahren. Sein Name tauchte noch einmal im “Focus” auf, als dieses Blatt verkündete, daß Richter beim Einstieg Schaubs in den Süddeutschen Verlag (SV) der neue Geschäftsführer werden solle. Das wurde vom SV allerdings sofort dementiert.
Thomas Schaub trat in die Holding ein und seit 1994 sind Dieter Schaubs Söhne, Josef Schaubs Enkel, offiziell die Herren der Medien-Union, und damit auch die Herren über die “Freie Presse”.

Der nächste Deal

Daß Dieter Schaub aber noch immer seinen Einfluß geltend machen dürfte, darauf deuten die jüngsten Aktivitäten hin.
Über die 44-prozentige Beteiligung an der Südwestdeutschen Medien Holding (SWMH; “Stuttgarter Zeitung”, “Stuttgarter Nachrichten”) kaufte sich die Medien-Union Ende 2002 als sechster Gesellschafter mit 18,75 Prozent beim finanziell gebeutelten Süddeutschen Verlag ein, wobei man beachten muß, daß die SWMH der drittgrößte Zeitungsverlag Deutschlands ist.
Dieter Schaub stützte sich dabei u.a. auf den wichtigsten SWMH-Mitgesellschafter, den Ulmer Verleger Eberhard Ebner, der übrigens über die SWMH auch an der “Süddeutschen Zeitung” nicht gerade unbeteiligt ist. Wie Schaub bevorzugt er die Rolle der grauen Eminenz.

Herr Ebner gehört zu den Befürwortern einer Neuordnung des Pressefusionsrechts, einer Reform die nicht zu einer Sicherung der angeblichen “publizistischen Vielfalt” führen würde, sondern die bestehenden Vormachtstellungen weiter festigen. Der “Entwurf zur Liberalisierung des Presse-Kartellrechts” wurde dem “Gleitflieger” und “Super”minister Clement vom Beirat des Wirtschaftsministeriums allerdings um die Ohren gehauen. Eine “wettbewerbspolitische Lachnummer” sei der Kabinettsentwurf, der weitgehende Kooperationen und Übernahmen von Zeitungen erlauben will, um so publizistische Vielfalt zu sichern. Eine recht eigenwillige aber doch bemerkenswerte Argumentation kam auf einem FDP-Hearing von Eberhard Ebner: “Wir haben ja keine wirkliche Wettbewerbsvielfalt”, Deutschland sei im Zeitungsbereich schon heute eine “Aneinanderreihung von Monopolen”. (taz Nr. 7370, 29.5.2004)

Eine weitere Stütze dieses Deals war der Vorsitzende des Lenkungsausschusses, der als regulierendes Bindeglied zwischen den Gesellschaftern und der Geschäftsführung des Süddeutschen Verlages eingerichtet wurde. Doch Oliver C. Dubber, dem laut taz vom 21.1.2003 ein “mieser Ruf” vorauseilt, ist gleichzeitig kaufmännischer Geschäftsführer der Medien-Union.
Mit der Berufung von Dubber bestätigten sich laut FAZ vom 04.01.2003 Vermutungen, “wonach Dieter Schaub, der Haupteigner der Medien-Union, eine der maßgeblichen Triebkräfte für den Einstieg der SWMH beim Süddeutschen Verlag gewesen sein dürfte. Auskunft über die Beweggründe ihrer Aktion oder weitere geben aber weder die Geschäftsführung der SWMH noch der Medien-Union.” Der Fakt, daß die anderen Eigentümer Dubber nicht überstimmen können und diese sich dadurch entmündigt fühlen, führte dazu, daß ein Miteigentümer aus Protest zum einfachen Leserbriefschreiber wurde.
Der beträchtlichen Einfluß, den Schaub sich damit auf die erforderliche Restrukturierung des Münchener Verlagshauses verschaffte, war jedoch unübersehbar. Geplant waren damals bereits Einsparungen von deutlich mehr als 100 Millionen Euro. Bis Ende des Jahres 2004 sollten von den bisher 5000 Arbeitsplätzen 950 Stellen gestrichen werden.

Dieser “Sanierungskurs”, an dem auch der berüchtigte “Unternehmensberater” Roland Berger beteiligt war, hat unterdessen “angeschlagen”. Nach hohen Verlusten ist der Süddeutsche Verlag im vergangenen Jahr wieder in die Gewinnzone zurückgekehrt, nachdem im Vorjahr noch ein Verlust von über 76 Millionen Euro zu Buche stand. Ob es wirklich nur die “Medienkrise” war, die die Unternehmensführung zur Arbeitsplatzvernichtung “zwang”, darf bezweifelt werden. Der “Focus” wie auch die “taz” zitierten z.B. Betriebsrat Schönauer, nach dessen Aussage sich die Alt-Gesellschafter allein in den Jahren 1998 bis 2000 ca. 150 Millionen Euro Gewinne auszahlen ließen.

Einen interessanten Aspekt im Zusammenhang mit dem Einstieg der Südwestdeutschen Medien Holding in den Süddeutschen Verlag möchte ich noch erwähnen. Um besagten Einstieg nicht zu gefährden, mußte der Süddeutsche Verlag seine 70-prozentige Beteiligung an der Regionalzeitung “Frankenpost” aus kartellrechtlichen Gründen verkaufen. Es war die SPD-Medienholdig DDVG, die bisher 30 Prozent an der “Frankenpost” hielt, die dem SV bereitwillig unter die Arme griff. Die SPD-Medienholding bekundete sofort, daß sie die Mehrheit an der Zeitung aber nicht “auf Dauer” halten will, sondern nur einen Beitrag zur Zukunftssicherung des SV mit seinem Flaggschiff “Süddeutsche Zeitung” leisten wollte. “In der Sache ging es vorrangig um den Vollzug der neuen Beteiligungsstruktur beim Süddeutschen Verlag”, sagte DDVG-Geschäftsführer Jens Berendsen in Hamburg (SPIEGEL ONLINE 2002).

Sanierung

Auch an der “Rheinpfalz” ist die “Medienkrise” nicht spurlos vorübergegangen.
Verleger Thomas Schaub kündigte deshalb einen konsequenten Kostenabbau an. Der bisher “bestehende Schutzzaun” um die Redaktion wird abgebaut. Den Anzeigenumsatz von 2002 bezeichnet er als “Alptraum”, “konsequent Kosten abzubauen” betrachte er als einzigen Ausweg. Die “Rheinpfalz”, so die FAZ vom 07.01.03, “dürfte freilich trotz des Umsatzrückganges weiter profitabel arbeiten”.

Die Entwicklung, so Schaub, werde auch zu einem Stellenabbau führen. Seinen Verweis auf entsprechende Arbeiten, die außerhalb des Verlages zu günstigeren Konditionen erbracht werden, und seine Vermutung, daß diese Tatsache doch den einen oder anderen nachdenklich machen könnte, hält die FAZ für “nebulös”. Doch der Wink mit dem Zaunpfahl ist wohl unübersehbar, gab es doch bereits Ende 2002 Spekulationen über die Auslagerung von redaktionellen Arbeitsplätzen. Neue Redakteure wollte Schaub nicht mehr einstellen und befristete Verträge nicht mehr verlängern. Die geringeren Kapazitäten sollten so konzentriert werden, daß das Produkt für die Leser nicht schlechter werde. In bayerischen Landen nennt man soetwas die Suche nach der eierlegenden Wollmilchsau.

In die gleiche Richtung zielte sein Austritt aus dem Zeitungsverlegerverband, den Schaub vor allem mit dem letzten Tarifabschluß begründete, “den wir einigermaßen fassungslos zur Kenntnis nehmen mußten”. Auch er will nun “zu hausspezifischen Lösungen” kommen, mit denen auch die Mitarbeiter “einigermaßen leben können”. Inzwischen zahlt er seinen Mitarbeitern nun nach dem Groß- und Außenhandelstarif etwa 20 Prozent weniger Lohn. Zugleich mußte fast ein Drittel der 600 Mitarbeiter gehen, obwohl das Haus als einer der rentabelsten Regionalverlage Deutschlands gilt. (taz Nr. 6959 vom 21.1.2003)

Während Schaub auf dem Rücken der Beschäftigten “spart”, konnte er trotzdem Anfang November 2002 den Schulbuchverlag “Das Bildungshaus Schroedel Diesterweg Bildungsmedien GmbH & Co. KG” übernehmen. Zuvor wurde das Schulbuchprogramm des Schöningh Verlags gekauft. Gemeinsam mit dem bereits zur Medien-Union gehörenden Westermann-Verlag könnte so die größte deutsche Schulbuch-Verlagsgruppe entstehen.

Resumee

Soviel zu den Fakten und Informationen, die meine Recherche zu den Eigentümern der “Freien Presse” ergaben. Sicher gibt es da noch viel mehr zu entdecken und zu schreiben, doch um mir ein Bild über dieses Blatt und seine Eigentümer zu machen, sollten diese Erkenntnisse vorläufig ausreichen.
Josef Schaub gründete das Unternehmen. Sohn Dieter, der laut “Manager Magazin” ein Vermögen von einer Milliarde Euro besitzt, erweiterte es zu einem Medien-Konglomerat, und seine Söhne Thomas und Michael sind die heutigen Geschäftsführer des Konzerns.

Bleibt zum Schluß die Frage, warum die Verantwortlichen der Redaktion in Chemnitz mir jede Auskunft zu den Besitzverhältnissen verweigerten. Könnte das daran liegen, daß es ihnen unangenehm ist, wenn diese Tatsachen den Titel ihrer Zeitung konterkarieren? Haben sie Angst, daß ihnen die Leser die “freie” Berichterstattung nicht mehr hundertprozentig abnehmen könnten?
Wenn dem so ist, so habe ich mein Ziel erreicht.
Und alle Leser, die bisher geglaubt haben, die “freie” Presse, überhaupt alle Massenmedien dieses Landes, berichten völlig “frei”, sollte dieser Artikel eines besseren belehren. Der Besitzer wird kaum sein Geld in eine Zeitung stecken, die nicht seine Interessen vertritt, die nicht seine Gedanken verbreitet. Und da der Besitzer der “Freien Presse” ein waschechter Kapitalist ist, wird seine Zeitung auch nur die Interessen seiner Klasse vertreten.
Und wenn noch immer jemand Illusionen über die Freiheit der Journalisten der bürgerlichen Presse hegt, so empfehle ich ihm das Statement des Doyen der amerikanischen Presse und ehemaligem Redaktionsleiter der “New York Times” zu lesen. Das System hat sich seit dieser Rede nicht geändert.

>> Zum Statement

Klaus Wallmann sen.

>> 04.05.2006: Eine Arbeit von Studenten der Universität Flensburg zum Thema Medien-Union (PDF, 152 KB)

>> Leserbrief an die “Randzone” zum Artikel “Wem gehört die ‘Freie Presse’?”


Leserzuschrift vom 05.01.2006:
Ein interessanter Artikel, den ich helfen werde zu verbreiten.
Immer noch wird von verantwortlichen Redakteuren der “FP” die Mär von der “Heimatzeitung” vertreten und suggeriert.
Politische Berichterstattung hat Rumpf-Charakter. Als Ende Dezember 2005 die PDS im Bundestag gegen die Verlängerung des Auslandseinsatzes der Bundeswehr in den Sudan auftrat, war davon in der “FP” nichts zu lesen. Eine Anfrage an den verantwortlichen Redakteur dazu blieb ohne Antwort.

Peter Költz


Stichworte: Freie Presse, Kohl, Verkauf

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· read: 6606 · today: 7 · last: 24. April 2014

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