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August Horch: Tauglicher Namenspate?

Von Klaus Wallmann sen | 2. April 2009

Viel Aufregung und vor allem Abwiegelung gab es vor einigen Wochen u.a. wegen des Namensgebers der Max-Kästner-Förderschule im sächsischen Frankenberg. Anlaß bot eine Festschrift zur 750-Jahrfeier der Stadt, an der auch der pensionierte Oberstudienrat Max Kästner 1938 beteiligt war. Laut “Frankfurter Rundschau” soll Kästner dort geschrieben haben:

Der “geliebte Führer” habe das Reich, “unser Vaterland”, heraus “aus dem Sumpf und dem Elend der Systemzeit geführt”. Sonst wäre es “seiner Vernichtung entgegengegangen”. Über den SS-Totenkopfsturmbann “Sachsen”, eine KZ-Wachmannschaft, heißt es später: “Leider blieben die SS-Männer nur kurze Zeit bei uns.” (FR)

Auf der Homepage der Schule, die seit 1994 Kästners Namen trägt, wird zwar sein Ehrendoktor – verliehen von der TU Dresden – erwähnt, nicht jedoch, daß er als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft sächsischer Botaniker einen “Ausrottungskrieg” gegen exotische Pflanzen forderte. Allerdings betont man dort, daß er sich “nicht zuletzt” mit seiner Frankenberg-Festschrift “ein Denkmal” gesetzt habe. Doch unbeirrt davon schreibt die “Freie Presse” (FP) am 03.02.2009 – fast klingt es erleichtert – : “NS-Propaganda stammt nicht von Max Kästner”. Für die peinlichen Sätze sei der damalige Bürgermeister Weichelt, ein überzeugter Nationalsozialist, verantwortlich. (Freie Presse)

Auslöser der ganzen Aufregung war eine Studie des Chemnitzer Historikers Geralf Gemser über Namensgeber von Schulen und ihre Rolle in der Nazi-Zeit. Sein Fazit: “Nahezu alle nach NSDAP-Mitgliedern oder sonstigen systemnahen Akteuren benannte Schulen verzichten aus Vorsatz oder Unwissenheit, selbstkritisch zu problematischen Details der Biografien Stellung zu beziehen oder sie zu erwähnen.” Mindestens 16 Schulen sind das allein im Freistaat. Bundesweit wird die erste gesamtdeutsche Analyse, schätzt Gemser, allein mehr als 100 Schulen finden, deren Namensgeber NSDAP-Mitglied waren.
Im Fall Kästner blieb Gemser auch nach dem FP-Artikel bei seiner Auffassung, Max Kästner habe eine nazifreundliche Gesinnung gehabt, was auch dessen Mitgliedschaft im NS-Lehrerbund bestätige. Max Kästner sei zwar kein Täter, doch die Fakten verdienten es, besprochen zu werden.

Während in Sachsen sieben Schulen, die den Namen von NSDAP-Mitgliedern tragen, erst nach der Wiedervereinigung umbenannt wurden, gibt es generell eine sehr geringe Zahl von Schulen, die der jüdischen Holocaust-Opfer gedenken. In Sachsen sind es genau zwei: Anne Frank und Janusz Korczak. “Dabei gab es doch so viele Opfer”, sagt Gemser und damit so viele Alternativen zu bedenklichen bis untragbaren Namensgebern sächsischer Schulen.

In einem Interview der FR mit der GEW-Vizechefin Marianne Demmer stellte diese fest, daß die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit in Deutschland immer ein heikles Thema war und ist. Gleichzeitig mahnte sie, Namenspaten kritisch unter die Lupe zu nehmen. Das sei politisch und pädagogisch ein mehr als notwendiger Prozeß. Als richtige Reaktion auf derartige Erkenntnisse empfiehlt sie den Schulen, ihre Namensgeber “dahingehend zu überprüfen, ob sie als Vorbilder taugen”. (Frankfurter Rundschau)

Nach dieser relativ langen, aber meines Erachtens notwendigen Einleitung komme ich nun zum Thema, das der Titel dieses Artikels ankündigt. Einer Überprüfung wert wäre unter diesem von Frau Demmer genannten Aspekt wohl auch der Name des Beruflichen Schulzentrums für Technik in Zwickau, für das August Horch Pate steht.

Die Homepage der Schule veröffentlicht eine Art Lebenslauf, dessen Quelle ein Artikel des August-Horch-Museums Zwickau ist. Dort findet sich nach den “sportlichen Erfolgen” und dem “guten Ruf von A. Horch” der knappe Satz: “In den Kriegsjahren seit 1914 musste sich A. Horch auch Projekten zuwenden, die den Konstrukteur und Unternehmer bisher nicht beschäftigen mussten.” Genauer möchte man offensichtlich nicht werden. 1932, so erfährt der Leser, wird A. Horch in den Aufsichtsrat der “Auto-Union” gewählt (dessen Mitglied er bis 1945 bleibt!), und 1939 erhält er die Ehrenbürgerschaft der Stadt Zwickau. Das nächste historische Datum stammt erst wieder aus dem Jahr 1949.

Eine Lücke von zehn Jahren! Warum?

Eine Anmerkung auf www.zwickau.de zum Jahr 1942 gibt einen ersten Hinweis: “Die Werke Audi und Horch der Autounion AG setzen für die Produktion von Militärfahrzeugen Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge (Außenlager des KZ Flossenbürg) und Kriegsgefangene ein.”
Auf www.historisches-chemnitz.de findet sich ein zweiter Hinweis: “1945 flüchten die Vorstände der Auto-Union vor den herannahenden Russen aus Chemnitz in das von Amerikanern besetzte Zwickau.”

Die “Lücke” von zehn Jahren dürfte damit prinzipiell erklärt sein.

Das Horch-Museum Zwickau und das Berufliche Schulzentrum für Technik “August Horch” vermeiden es offensichtlich, das “heikle Thema” anzusprechen. Denn auf Unkenntnis oder nicht ausreichende Recherche kann man sich in diesem Fall nicht berufen. Es findet sich einiges im World-Wide-Web, das den heutigen Computer-Kids durchaus Aufschluß über ihren Namengeber geben kann, der in dieser Zeit-”Lücke” ein verantwortliches Aufsichtsratsmitglied eines Konzerns gewesen ist, der von der Machtübernahme durch die Faschisten profitierte.

Die Zwickauer Horch-Werke AG erweiterte dadurch ihr Produktionsprofil. Ab 1934 waren die beiden zur Auto-Union gehörenden Betriebe, Werk Audi und Werk Horch, Fertigungsstätten auch für Wehrmachtsfahrzeuge, Flugzeugmotoren und Torpedos. (Ähnlich dürften wohl auch die o.g. “Projekte” in den Jahren ab 1914 gelagert sein, über die sich die Schule und das Museum ebenso ausschweigen.)

Ein Höhepunkt der wirtschaftlichen Entwicklung war die Besetzung Frankreichs, nach der sich die Betriebe der Auto-Union in den französischen Autowerken “Citroen” und “Renault” breitmachen konnten. In der Folge stiegen die Jahresumsätze der Auto-Union während des 2. Weltkrieges auf mehr als das Doppelte.

In den Horch-Werken wurden in dieser Zeit 4.209 ausländische Arbeitskräfte ausgebeutet. Von den 3.298 ausländischen Zivilinternierten aus vierzehn Nationen waren 1.026 französischer, 955 sowjetischer, 427 polnischer und 197 italienischer Nationalität. 2.495 männliche und 803 weibliche Arbeitskräfte, darunter 55 Kinder, bildeten die Arbeitskräftereserve aus den unterdrückten Ländern.

Um diese Ausbeutung noch zu verschärfen, richteten die Faschisten in der Auto-Union Zwickau ein Außenlager des Konzentrationslager Flossenbürg ein. 1942 kamen 898 Häftlinge in Zwickau an.
Das Konzentrationslager der Horch-Werke unterschied sich in keiner Weise von den anderen Lagern – auch hier wurde gequält, gefoltert und gemordet. Mehr als die Hälfte der Häftlinge verstarb an den Folgen der unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen.

Im Städtischen Museum Zwickau befand sich einst eine Dokumentation mit dem Titel “Rüstungsbetrieb als Menschenschlachthaus”. Dieser kann man entnehmen, daß bei Horch 520 Menschen von den SS-Wachmannschaften erschlagen oder anders zu Tode gequält wurden. Bei Ausgrabungen in den Horch-Werken nach 1945 fand man in vier Massengräbern 65 Leichen, die verstümmelt, nackt und unkenntlich waren. Todesursachen: zertrümmertes Schläfenbein, Kopfschuß, Genickschuß u.a.
(Quelle: Antifaschistischer Widerstandskampf in Zwickau, Herausgeber: Haus der Revolutionären Zwickauer Arbeiterbewegung, ohne Jahresangabe)

Auf einer anderen Website fand ich folgende Informationen:
“Der Einsatz von KZ-Häftlingen in Unternehmen kam auch in Zwickau zur Anwendung. Bereits ab 1934 waren die zur Auto–Union Chemnitz AG gehörenden Werke Audi und Horch, Fertigungsstätten für die Rüstungsproduktion, für Wehrmachtsfahrzeuge, Flugzeuge und Torpedos. Nach Kriegsbeginn wurden in dieser Produktion mehr als 3.000 Zwangsarbeiter eingesetzt. Im August 1944 begannen die Vorbereitungen zur Errichtung eines KZ-Häftlings-Arbeitskommandos bei den Horch-Werken. Die Konzernleitung der Auto-Union hatte beim SS- Wirtschaftsverwaltungshauptamt in Oranienburg die Forderung nach 1.000 arbeitsfähigen KZ–Häftlingen gestellt.

Die ersten 210 Häftlinge kamen am 13.September 1944 in das Lager nach Zwickau. Es folgten weitere Transporte um die geforderte Zahl zu erreichen. So überstellte das Hauptlager Flossenbürg am 17.10.1944 weitere 300 Häftlinge nach Zwickau. Am 20. Oktober 1944 zählte das Lager 511 Häftlinge, einen Monat später bereits 886 Häftlinge. Das Lager selbst konnte bis zu 1.000 Häftlinge aufnehmen. Das Häftlingslager hatte ein Ausmaß von etwa 250 x 250 Meter und bestand aus 5 Baracken. Das Lager wurde von einem hohen Drahtzaun umgeben, an dessen vier Ecken sich jeweils ein Wachturm befand. An der Südseite des Lagers befand sich ein Wassergraben über den der Eingang zum Lager führte. Vor der Umzäunung befand sich eine Baracke mit der Wachstube und den Unterbringungsräumen der Wachmannschaft und eine Baracke mit Gemeinschaftsraum, Schreibstube und Unterkunft des Kommandoführers.” (Quelle)

Die Tatsache, daß August Horch als Aufsichtsratsmitglied auch für dieses “Menschenschlachthaus” und das, was dort geschah, zumindest die moralische Verantwortung trägt, läßt sich wohl kaum abstreiten. Die Schule sollte angesichts all dessen die o.a. Mahnung der GEW-Vizechefin beherzigen. Die Stadt Zwickau dagegen müßte sich einmal Gedanken darüber machen, ob ein “Ehrengast” von Hitler und Göring (Quelle) auch “Ehrenbürger” der Stadt sein kann.

Klaus Wallmann sen.

BUCH-TIPP:
Geralf Gemser: “Unser Namensgeber – Widerstand, Verfolgung und Konformität 1933-1945 im Spiegelbild heutiger Schulnamen”, AVM-Verlag, 19,90 Euro


Stichworte: GEW, Häftling, KZ, Rüstung, Sachsen, Schule, Zwickau

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