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Rostock: Unverdienter Ehrenbürger Gauck

Von Klaus Wallmann sen | 7. August 2012

Am 9. August 2012 verleiht die Stadt Rostock dem derzeitigen Bundespräsidenten Gauck in der Marienkirche die Ehrenbürger-Würde, um ihn damit für seine Verdienste um die sogenannte friedliche Revolution 1989 zu ehren. Außerdem setze sich Gauck “mit un­er­schüt­ter­li­chem Mut für De­mo­kra­tie und Frei­heit ein”, so Ros­tocks Ober­bür­ger­meis­ter Meth­ling, der mit dieser Auszeichnung auch die “au­ßer­ge­wöhn­li­chen und blei­ben­den Ver­diens­te um die Han­se­stadt Ros­tock” gewürdigt sehen will. Welche “Verdienste” er konkret meint, ließ Meth­ling allerdings offen.

Die Bürger der Stadt haben sich gegen die Meinung der Bürgerschaft, des Stadtparlaments der Hansestadt, ausgesprochen. Im Zusammenhang mit einer Umfrage der “Ostseezeitung”, bei der sich 57 Prozent der Leser gegen diese Ehrenbürgerschaft aussprachen, zitierte die Zeitung den Rostocker Dietmar Schmidt. Man könne den Eindruck gewinnen, er habe zu den führenden Köpfen der Oppositionsbewegung in der DDR gehört. Jedoch: “Herr Gauck hat es nur exzellent verstanden, sich ins Rampenlicht zu setzen.” Bürgerschaftspräsidentin Jens (CDU) registrierte zwar die Skepsis. war aber dennoch der Meinung: “Insgesamt aber gibt es eine große Anerkennung.” (Morgenpost)

Aus gleichem Anlaß schrieb Günter Althaus (DIE LINKE), Mitglied der Rostocker Bürgerschaft, Anfang Juli einen Brief an Herrn Gauck. Darin heißt es:

Sehr verehrter Herr Bundespräsident, ich bin der einzige Abgeordnete der Rostocker Bürgerschaft, der in Rostock-Brinckmansdorf wohnt, wo auch Sie lange Jahre lebten, und wo noch Angehörige von Ihnen wohnen. So bin ich aus Ihrem früheren Umfeld gut über Ihre Familie und Verwandte informiert. Auch Ihr Bruder konnte in der DDR studieren. Er mußte dazu nicht die Theologie wählen. Das alles trotz der nazibelasteten Herkunft von Eltern und Verwandten. Wenn ich vergleiche, wie Sie insbesondere nach 1990 alles Sozialistische verteufelten und die Existenz von Menschen zerstörten, dann kommt mir die DDR geradezu liberal vor.

Am 9. August 2012 wird Ihnen die Ehrenbürgerschaft der Hansestadt Rostock verliehen. Ich habe eine Einladung erhalten, doch ich verzichte bewußt auf dieses Schauspiel. (…)

Bürgerschaftspräsidentin Jens (CDU) hatte im Vorfeld angeblich “schnell” erkannt, daß der Vorschlag, Gauck zum Ehrenbürger zu machen, “eine große Mehrheit unter den 53 Vertretern der Bürgerschaft finden wird” – so zumindest das Deutschland-Radio. Die “Märkische Allgemeine” berichtete später, daß bei der entscheidenden Abstimmung “25 von 40 anwesenden Stadtvertretern” dafür stimmten, Gauck die Ehrenbürgerwürde zu verleihen. “14 Abgeordnete, bis auf eine von der Linke-Fraktion, stimmen dagegen. Dazu kommt eine Enthaltung.” Auch auf diese Abstimmung geht Althaus in seinem Brief ein:

Schon die Art Ihrer Wahl zum Ehrenbürger hielt ich für wenig demokratisch. Sie bekamen lediglich 25 Stimmen, nicht einmal die Hälfte der 53 Bürgerschaftsabgeordneten. Nun fehlen zwar immer einige aus verschiedensten Gründen zu den monatlichen Sitzungen, doch am Tag Ihrer Wahl waren es mit 41 besonders wenige anwesende Abgeordnete, und da eine vor der Abstimmung den Saal verließ, waren es nur noch 40. (…) In der hiesigen Mainstream-Presse wurde später behauptet, nur die Fraktion Die Linke habe gegen Sie gestimmt. Der Wunsch war hier Vater des Gedankens, denn es waren nur zehn Abgeordnete meiner Fraktion anwesend. Vier Gegenstimmen kamen von anderen Abgeordneten und davon gehörten drei einer zweiten Fraktion an, von der kein einziges Mitglied für Sie stimmte. (…)

Nun sind Sie mir als Ehrenbürger Rostocks zweifellos lieber als der Massenmörder Paul von Hindenburg, der u.a. für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg im Ersten Weltkrieg verantwortlich und später Wegbereiter Hitlers war. Doch auch in der Rostocker Bevölkerung hatten Sie in der OstseeZeitung-Umfrage keine Mehrheit für sich. Das war angesichts der Lobhudelei in Fernsehen und Rundfunk und den großen überregionalen Zeitungen bemerkenswert. Man kennt Sie hier offenbar besser als anderswo. 57 Prozent meinten, eine Ehrenbürgerschaft verdienten Sie nicht.

Siehe dazu: Die Akte Gauck – Eine politische Biographie

Vor allem Ihre Äußerung, die Deutschen seien glücksüchtig und nicht mehr bereit, ihr Leben fürs Vaterland zu opfern, hat mich in letzter Zeit betroffen gemacht. (…) Besonders hat mich gestört, daß Sie die Bundeswehrsoldaten und Offiziere in Afghanistan als Mutbürger bezeichneten. (…)

Siehe dazu: Gauck: “Rede an die Nation”

Setzen Sie sich dafür ein, daß in Kriegs- und Spannungsgebieten nicht die Bundeswehr als umstrittene Kriegspartei aus dem Staat mit dem drittgrößten Waffenexport humanitäre Hilfe leisten zu müssen vermeint, sondern daß diese Aufgabe der Organisation überlassen bleibt, die dafür geschaffen wurde, nämlich dem Deutschen Roten Kreuz. Dieses muß in den Stand versetzt werden, überall auf der Welt wirksame Hilfe leisten zu können. Kriegerische Einsätze sollten Sie deutlich zurückweisen. Mit Krieg werden Probleme verschärft, nicht gelöst. (…)

Mit seiner Ernennung zum Ehrenbürger erhält Gauck ein lebenslanges Freiticket für die öffentlichen Verkehrsmittel der Stadt Rostock. Auch wenn das nicht viel kosten mag – das Geld wäre an anderer Stelle nötiger. Steht Rostock auf der Liste der Städte mit den meisten Hartz-IV-Beziehern doch an fünfter Stelle, was im März vergangenen Jahres dazu führte, daß der Sozialausschuß der Stadt den bisherigen Mittagessenzuschuß für Kinder aus Hartz-IV-Familien ersatzlos strich.

Klaus Wallmann sen.


Stichworte: Althaus, Auszeichnung, Bundespräsident, CDU, DDR, DIE LINKE, Ehre, Ehrenbürger, Gauck, Hartz, Krieg

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