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Das nackte Interesse

Von Klaus Wallmann sen | 25. Juli 2012

Rund 12.000 schwerkranke Menschen in Deutschland – von denen jeden Tag drei sterben – setzen ihre ganze Hoffnung auf die Transplantation eines Organs, die sich nur erfüllen kann, wenn ihre Mitmenschen bereit sind, ihre Organe nach dem eigenen Tod zu spenden. Laut einer repräsentativen Erhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) sind 74 Prozent der deutschen Bürger grundsätzlich dazu bereit (Stand 2010). Was für die Bürger unseres Landes, für unsere Gesellschaft spricht. Doch wir alle leben nun mal ein einer kapitalistischen Gesellschaft, über deren herrschende Klasse Marx einst schrieb:

“Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört … und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose ‘bare Zahlung’. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst … Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt …” (“Manifest der Kommunistischen Partei”, Marx-Engels-Werke, Band 4)

Der “Skandal”, den ich an dieser Stelle aufgreife, ist schon wieder raus aus den Schlagzeilen der bürgerlichen Meinungsbildner. Was verständlich ist, denn Gesundheit als Ware, als Objekt, das nur gegen “bare Zahlung” erhältlich ist – das ist kein Thema für die bürgerlichen Medien, die die “Pressefreiheit” ja auch und vor allem nur als Geschäft betrachten, über das sie nur ungern reden.

Ärzte(!) am Göttinger Universitätsklinikum haben laut “Süddeutsche Zeitung” Testergebnisse erfunden, Laborwerte manipuliert, Krankenakten gefälscht, um letztendlich Organe verschieben zu können, die ausgewählten Patienten zugute kamen. Wobei es um mehr als zwei Dutzend Patienten gehen soll. Klinik-Vorstand Martin Siess bestätigte “25 weitere Verdachtsfälle”. Die Formulierung “Einzelfall” dürfte sich damit sowohl hinsichtlich der beteiligten Ärzte, als auch der Zahl der Patienten bereits erledigt haben. Bisher ermittelt die Staatsanwaltschaft zwar nur gegen einen Oberarzt, doch selbst der Vorsitzende der Ständigen Kommission Organtransplantation bei der Bundesärztekammer, der Strafrechtler Prof. Hans Lilie, geht davon aus, daß mehrere Personen verwickelt gewesen sein müssen. Ob die Vergangenheitsform angebracht ist, dürfte in Frage stehen, denn neben dem Göttinger Fall könnte es weitere bisher unbekannte Fälle von “Organ-Verschiebung” geben. Und da die Braunschweiger Staatsanwaltschaft auch wegen des Verdachts der Bestechlichkeit gegen den Oberarzt ermittelt, steht zwangsläufig der Begriff “Organ-Handel” bereits mit im Raum.

Was aber in Deutschland angeblich unmöglich ist. Denn es gibt ja ein strenges Transplantationsgesetz und nicht minder strenge Richtlinien der Bundesärztekammer. Doch wie der Göttinger Fall zu beweisen scheint, sind Gesetze und Richtlinien u.U. nicht das Papier wert, auf dem sie stehen.

Für die Menschen, die erfreulicherweise bereit sind, ihre Organe nach dem eigenen Tod zu spenden, ergeben sich nach dem Göttinger Fall erneut Fragen, die sich wohl jeder stellt, der ernsthaft über einen Organspendeausweis nachdenkt. Wird im Ernstfall, also bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung oder einem Unfall, von den Ärzten wirklich alles medizinisch Mögliche getan, um das Leben des Patienten zu retten, oder fällt er Ärzten in die Hände, die sich aus ganz anderen Gründen für ihn interessieren? Natürlich muß der Hirntod eines Patienten, der der Organspende zugestimmt hat, zuvor von zwei Ärzten festgestellt worden sein – doch wer garantiert, daß diese beiden Ärzte nicht gemeinsame Sache machen?

Prof. Lilie scheint das ähnlich zu sehen, wobei er allerdings an der Oberfläche des Problems hängen bleibt. Da in Göttingen Laborwerte verfälscht wurden, glaubt er dem “Skandal” zukünftig beikommen zu können, indem ein weiterer Laborarzt die Daten noch einmal prüft. Dieser käme “selbstverständlich nicht aus dem Umfeld des zuständigen Transplantationsmediziners, sondern wäre unabhängig und hätte daher auch kein Interesse an einer Verfälschung”. Selbstverständlich. Unterstützung bekommt Lilie vom Ärztlichen Direktor der Universitätsklinik in Essen, Eckhard Nagel, der zugleich betonte, daß es diese Form des Betrugs in den vergangenen 25 Jahren “noch nie gegeben” habe. Was aber eben die Frage ist.

Als “nicht günstig und praktisch auch nicht immer machbar” weist der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe und Mitglied der Kommission Organtransplantation, Theodor Windhorst, den Vorschlag Lilies zurück. Man müsse “nicht das ganze System revolutionieren”, es sei nicht davon auszugehen, “dass alle Ärzte korrupt sind”. Ganz sicher nicht, doch darum geht es ja auch nicht. Windhorst fordert statt dessen “Einzelfallprüfungen” der Transplantationszentren “nach dem Zufallsprinzip” – also Prüfungen, die eventuelle “Einzelfälle” an den Tag bringen sollen? Was aber hätte der Organspender davon?

Auch Herr Spahn, Gesundheitspolitiker der CDU, scheint der Meinung zu sein, daß man prinzipiell nichts ändern müsse. Das deutsche System der Organspende sei “hochprofessionell”. Die Ärztekammer und die Deutsche Stiftung Organspende (DSO) müssten jetzt nur “konsequent aufklären und bestrafen” und “halt auch mal” Approbationen entziehen (Ruhr Nachrichten).

Bundesgesundheitsminister Bahr (FDP) begrüßt diese “offene Diskussion” der Transplantationsexperten und fordert umgehend “bessere Verfahrensregeln”. Ein Sprecher des Ministers sprach davon, daß die Vorgänge in Göttingen nicht nur gesetzwidrig, “sondern höchst respektlos und ethisch in höchstem Maße verwerflich” seien. Angesichts des Vertrauensverlusts mußte der Minister natürlich an die Bürger appellieren, sich nicht in ihrer Bereitschaft zur Organspende erschüttern zu lassen. “Die Organspende rettet Leben.” Gleichzeitig versprach er die übliche und selbstverständlich “schonungslose Aufklärung”.

Wenn Bundesgesundheitsminister Bahr von einem “ethisch in höchstem Maße verwerflichen” Fall spricht, so ist er damit glücklich wieder bei dem von mir oben zitierten Marx gelandet. Das “nackte Interesse”, die “gefühllose ‘bare Zahlung’” ertränkt im Kapitalismus jede Form von Ethik. Es zählt nur der Tauschwert, den man auf dem Markt anderen Tauschwerten gegenüberstellen kann, nicht die persönliche Würde. Der Arzt als Lohnarbeiter, das Krankenhaus als Profitmaschine in Konkurrenz zu anderen Krankenhäusern – da muß jede Ethik zwangsläufig auf der Strecke bleiben. Mediziner, die unter der Fuchtel sogenannter “Gesundheitsökonomen” stehen, und “lukrative” Schlaganfall-Patienten, die wegen “wirtschaftlichem Druck” nicht an spezialisierte Krankenhäuser abgegeben werden, sind die unvermeidliche Konsequenz der Herrschaft der Bourgeoisie, des herrschenden Kapitals.

Glaubt man den bürgerlichen Medien, so findet Organhandel vor allem in der sogenannten “Drittel Welt” statt, in Indien, Brasilien, China und in afrikanischen Ländern. Der Göttinger “Skandal” macht deutlich, daß solche “ethisch in höchstem Maße verwerflichen” Verbrechen auch in hochentwickelten kapitalistischen Industriestaaten zumindest im Bereich des Denkbaren liegt. Denn: “Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens.”*

Das Göttinger Universitätsklinikum hat nach eigener Angabe bereits weitreichende Konsequenzen gezogen. Die Transplantationsabteilung wurde neu strukturiert, so daß “eine Wiederholung undenkbar ist”. Was eine kühne Behauptung ist, solange die Gesundheit vor allem ein profitables Geschäft ist.

Klaus Wallmann sen.

* Eine Feststellung des englischen Ökonomen T. J. Dunning, den Marx im ersten Band des Kapitals in einer Fußnote zitiert. (MEW, Bd. 23, S. 788)


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Thema: Politik | 2 Kommentare »
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2 Kommentare zu “Das nackte Interesse”

  1. Uwe meint:
    25. Juli 2012 um 21:10

    Es war nur eine Frage der Zeit, das solch Fall öffentlich wird und es ist nur eine Frage der Zeit, dass es zu weiteren Fällen kommt. Und es ist nur eine Frage der Zeit, dass arme Menschen ganz legal ein Organ verkaufen dürfen. Uwe Griebsch

  2. Kalle meint:
    28. Juli 2012 um 10:32

    Im Organspende-Skandal am Göttinger Universitätsklinikum hat die Staatsanwaltschaft Göttingen gegen die beiden beschuldigten Mediziner Ermittlungen wegen des Verdachts von Tötungsdelikten eingeleitet. Wenn die Mediziner ihre Patienten mit manipulierten Daten auf der Warteliste für Spenderlebern nach oben gemogelt hätten, seien dadurch möglicherweise andere Kranke gestorben, sagte der Göttinger Staatsanwalt Andreas Buick am Freitag.

    http://www.ndr.de/regional/niedersachsen/harz/transplantation115.html

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