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Zu den “Schicksalswahlen” in Griechenland

Von Gastautor | 20. Juni 2012

Wohl kaum eine Parlamentswahl ist derartig scharf beobachtet und beeinflußt worden wie die in Griechenland am Sonntag. Besonders hervorgetan haben sich dabei die Politiker und die führenden Konzernmedien der Bundesrepublik Deutschland. Alle dort so oft und so lauthals erhobenen Forderungen nach freien Wahlen gelten nicht, wenn es um die Sicherung der Pfründe der Machthaber geht. Der Antikommunismus feiert fröhliche Urständ. Und dabei ist kein Mittel zu teuer.

Das deutsche Staatsfernsehen, das normalerweise nicht einmal eigene Korrespondenten in Athen unterhält, errichtete sogar ein Sonderstudio für die Berichterstattung über die “Schicksalswahlen” in Griechenland. Das Leib- und Magenblatt der deutschen Banker und Couponabschneider, die “Financial Times Deutschland”, erließ in griechischer Sprache mit deutscher Übersetzung einen “Wahlaufruf”, in dem davor gewarnt wird, “Demagogen” zu folgen und das griechische Volk dringend ermahnt wird, die konservative Schwesterpartei der CDU, die Nea Dimokratia zu wählen, weil die mit ihrem Chef Antonis Samaras als einzige Partei den Verbleib Griechenlands im Euro und damit den Wohlstand des griechischen Volkes garantiere.

Auch “Sparfuchs” Jean-Claude Juncker mischte sich unter den Chor der Mahner und Warner. Der Premier, der nach eigener Aussage den undankbaren und lästigen Posten des Chefs der Eurogruppe lieber heute als morgen loswerden will, erklärte gehorsamst, daß es mit einer griechischen Regierung gleich welcher Couleur keine Nachverhandlungen über das Austeritätsprogramm geben werde, allenfalls könne man über die Laufzeit der den Griechen auferlegten Verpflichtungen reden.

Die “Frankfurter Allgemeine” berichtete, daß “die Griechen” ihre Euro-Konten räumen, und zwar in Größenordnungen von bis zu 800 Millionen täglich, weil nämlich “bei einem Sieg der Reformgegner” dem Land “die Rückkehr zur Drachme” drohe. Wo die Leute zu finden sind, die nun ihre Euros in ausländischen Banken oder gar in Sparstrümpfen unter der Bettdecke gebunkert haben, berichtet das Zentralorgan der deutsche Großbourgeoisie natürlich nicht. Der Sender Jerewan beantwortete eine ähnliche Frage einst mit “Jeder hat eben seine Bekannten” … Die Leute, denen man hier in Griechenland auf der Straße und in Kaffeehäusern begegnet, verfügen über keine Millionen, die sie von ihren Konten abheben könnten. Die meisten von ihnen sind froh, wenn es am Ende des Monats noch für die Begleichung der immer horrender werdenden Stromrechnung reicht.

Dennoch hatte die massive Angstmache von außen, die von den hiesigen Leitmedien verstärkt wurde, ihre durchschlagende Wirkung. Eine deutliche Mehrheit der Griechen hat Angst vor einer Rückkehr zur Drachme, sieht im allein seligmachenden Euro die einzige Perspektive für eine Erholung des Landes und des eigenen Geldbeutels. Auch die angeblich so linksradikale SYRIZA, die neue Sozialdemokratie Griechenlands, ließ sich gern vor diesen Wagen spannen und verkündete – im Einklang mit ihren Gesinnungsfreunden von den deutschen Linken, der französischen Front de Gauche und der italienischen Rifundazione – daß Griechenland unbedingt im Euro verbleiben solle.

Es blieb allein den Kommunisten der KKE überlassen, die unangenehme Wahrheit auszusprechen, daß hier ein betrügerisches Schreckgespenst aufgebaut wird. Für die Arbeiter, die kleinen Angestellten, die Selbständigen, die Rentner und die Arbeitslosen ist es nämlich absolut kein Unterschied, ob sie am Ende des Monats keinen Euro oder keine Drachme in der Tasche haben. Das aber ist für die Merkel, Juncker & Co. eine zu negierende Größe.

Uli Brockmeyer, Athen

Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek


Stichworte: Antikommunismus, Demagogie, EU, Euro, Griechenland, Kommunisten, Linke, Medien, Regierung, Sozialdemokratie, Staat, Volksverdummung, Wahl

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Thema: EU, Medien, Politik | Keine Kommentare »
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