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Die “Freie Presse” und die “deutsche Ehre”

Von Klaus Wallmann sen | 13. August 2008

Marco Barnebeck/pixelio.de Während sich das Partyvolk durch’s Wochenende tanzte und die Archäologen in Zwickau neue alte Keramikscherben fanden, schien die “Freie Presse” (FP) keine anderen Sorgen als die um die “deutsche Ehre” zu haben. Gott sei Dank holten die Synchronspringerinnen in China wenigstens eine Bronzemedaille und so konnte die FP am Montag (11.08.2008) mit der Rettung der deutschen Ehre titeln.

Auf den Seiten 4 und 5 findet sich dann allerdings Tatsachen in Fülle, die die “Ehre” der Bundesrepublik Deutschland weit mehr hinabziehen als ausbleibende Medaillen. So ging es in dem von der Polizei aufgelösten Neonazi-Kinderlager ganz sicher auch um die “deutsche Ehre” (ein Begriff, den man übrigens jeden Montag auf der Neonazi-Demo in Zwickau vernehmen kann). Obwohl diese Lager der Polizei und dem “Verfassungsschutz” seit Jahren bekannt sind, bedurfte es auch diesmal wieder eines “Hinweises aus der Bevölkerung”.

Auf Seite 5 titelt die FP mit einem Slogan, den die Montagsdemonstranten in Deutschland auch verwenden. Allerdings schon seit vier Jahren. “Arm trotz Arbeit: Zahl der Aufstocker wächst”. Weder diese Tatsache, noch die Zahlen sind für Montagsdemonstranten etwas Neues. Für die FP scheinbar schon, wobei sie im Verkauf alter Kamellen als Neuigkeiten offenbar keine Frage der Ehre sieht. Hintergründiges und Investigatives sucht man bei Journalistin Susann Müller dennoch vergeblich. Natürlich werden Unternehmer bei der Lohnzahlung subventioniert. Natürlich gibt die Bundesregierung 4,4 Milliarden Euro jährlich dafür aus. Doch warum und weshalb, das wollen oder können uns weder die Journalistin, noch der zitierte Herr Adamy aus dem DGB-Bundesvorstand sagen. Dabei sind 1,3 Millionen “Aufstocker” für ein reiches Industrieland wie Deutschland nur als Schande zu bezeichnen.

Dem ehrenwerten arbeitnehmernahen Institut der Deutschen(!) Wirtschaft (IW) ist der Niedrig- und Niedrigstlohnsektor genau so wurscht, wie die Arbeiter und Angestellten, die für bessere Löhne auf die Straße gehen. Ihre Sorgen sind ganz andere, nämlich der wahrscheinliche “Rekord an Streiktagen” in diesem Jahr. 250.000 Arbeitstage und der entsprechende Profit sind dem Kapital im ersten Halbjahr bereits verloren gegangen. Da muß natürlich sofort ein Arbeitsrechts”experte” aus Mannheim her, der ein gesetzliches Verbot von Warn- und Sypathiestreiks fordert. Dabei gibt es in Deutschland überhaupt kein Streikrecht im juristischen Sinne.

Und um höhere Löhne streiken? Gott bewahre! Der Kannegiesser vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall warnt auf der gleichen Seite vor einem zu hohen Abschluß in der Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie. Das Geld wird anderswo gebraucht, denn schließlich geht es um den Kampf um Führungspositionen auf dem Weltmarkt, um Profit und – nein, ich meine natürlich: um die Sicherung der Arbeitsplätze am Standort Deutschland.

Und genau deswegen fordern nur ein paar Zeilen weiter die Geschäftsführer der Monopole – diesmal CDU-Politiker des Parlamentskreises Mittelstand – die Senkung des Arbeitslosenbeitrages. Ihr noch schwärzerer “Mehr Netto vom Brutto”-Mann Huber springt denen natürlich sofort zur Seite. In allen Ehren natürlich.

Und damit es beim Abbau der bürgerlich-demokratischen Rechte und Freiheiten auch ja keinen Widerstand gibt, hat BKA-Chef Ziercke mal wieder entdeckt, daß “El Kaida und andere islamistische Organisationen … zu Anschlägen entschlossen” sind (S.4). Da grausts den deutschen Michel. Er greift zur “Freien Presse” und kann mit Freuden feststellen, daß Deutschlands Ehre doch noch nicht verloren ist.

Klaus Wallmann sen.


Stichworte: Aufstocker, Ehre, Freie Presse, Niedriglohn, Streikrecht

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Thema: Medien, Politik, Reformen/Agenda | Keine Kommentare »
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