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Die DGB-Führung und der 1. Mai

Von Klaus Wallmann sen | 26. April 2012

Am Beispiel der Stadt Emden wird derzeit der Charakter der DGB-Führung überaus deutlich. Mit der Begründung, der 1. Mai sei historisch ein “sensibles Datum” und daher “und aus anderen Gründen nicht der Tag der politischen Parteien und politischen Gruppierungen”, versuchen sie in Emden linken Organisationen und Parteien die Teilnahme am Demonstrationszug zu verweigern und deren Info-Stände zu verhindern. Wobei man auch nicht davor zurückschreckt, den historischen Ursprung dieses Tages zu verfälschen. Demnach sei es der “Moving Day”, der diese Tradition begründete.

Ganz offensichtlich will die DGB-Führung die sozialistische Wurzeln des 1. Mai weglügen. Doch selbst die wahrlich nicht linken Autoren von Wikipedia wissen da ganz anderes zu berichten. Zu Recht merkt man dort an, daß der 1. Mai “als Internationaler Tag der Arbeiterbewegung in vielen Ländern gefeiert” und auch als “Tag der Arbeit, Maifeiertag oder Kampftag der Arbeiterbewegung” bezeichnet wird.

Historisch verweist man auf die nordamerikanische Arbeiterbewegung zur Durchsetzung des Achtstundentags, die Anfang 1886 zu einem Generalstreik am 1. Mai aufrief. Dieser Tag war damals traditionell der “Moving Day”, auf den sich die DGB-Führung nun bezieht, doch die Massenstreiks und Demonstrationen in den USA, die nach dem Aufruf einsetzten, hatten damit – wenn überhaupt – nur am Rande zu tun. Am Abend des 1. Mai 1886 hielt der Chefredakteur und Herausgeber der Arbeiter-Zeitung, August Spies, eine Rede auf einer Arbeiterversammlung auf dem Haymarket in Chicago. Dem folgten ein mehrtägiger Streik und gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern und Polizei. Diese eskalierten am 4. Mai, nachdem ein Unbekannter(!) während einer weiteren friedlichen Protestkundgebung eine Bombe zündete. Das anschließende “Gefecht” endete mit mehr als 200 verletzten und rund 20 getöteten Arbeitern. In die Geschichte ging es als “Haymarket Affair” ein.

Im Gedenken an diese Opfer wurde der 1. Mai von den rund 400 Delegierten von Arbeiterorganisationen aus 20 europäischen und amerikanischen Ländern des Gründungskongresses der II. Internationalen unter maßgeblichem Einfluß von Friedrich Engels 1889 zum “Kampftag der Arbeiterbewegung” erklärt, der im Jahr darauf erstmals mit Massenstreiks und Massendemonstrationen in der ganzen Welt begangen wurde.

Die deutschen Faschisten machten den 1. Mai am 10. April 1933 zum gesetzlichen Feiertag, den sie demagogisch “Feiertag der nationalen Arbeit” nannten. Am 2. Mai(!) dieses Jahres verboten sie die Gewerkschaften, stürmten die Gewerkschaftshäuser und kassierten das Gewerkschaftsvermögen. Im Jahr darauf erklärten die Nazis den 1. Mai zum “Nationalen Feiertag”.

Gesetzlicher Feiertag blieb er nach dem Zweiten Weltkrieg auch in der BRD und der DDR, wobei er z.B. in NRW als “Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde” firmiert. In den sogenannten sozialistischen Ländern wurde er zum “Internationalen Kampf- und Feiertag der Werktätigen für Frieden und Sozialismus”, vermeintlich in der Tradition der internationalen Arbeiterbewegung stehend.

Nach all den historischen Erfahrungen, insbesondere denen in der Zeit des Faschismus, und angesichts der nicht zu übersehenden Tatsache, daß rechte Kräfte überall in Europa ihren Einfluß verstärkt geltend machen, ist es bezeichnend für die “Führer” des DGB und der Gewerkschaften, daß sie als (ehemalige) klassische Institutionen der Arbeiterbewegung ihre Traditionen verleugnen und verfälschen.

Zu Recht protestiert daher das “1. Mai-Bündnis Emden” – dem Vertreter der Partei DIE LINKE, der DKP, der VVN, des Frauenverbands Courage und der MLPD angehören – gegen diese unverantwortliche Ausgrenzungspolitik des DGB, die einzig und allein dem Machterhalt der herrschenden Klasse dient, indem er dessen Waffe des Antikommunismus benutzt, um die Arbeiter und Angestellten politisch in die Irre zu führen. In einem offenen Brief des Bündnis an den DGB heißt es deshalb:

“Tatsache ist doch, das … immer mehr, vor allem Arbeiterinnen und Arbeiter eine Abscheu gegenüber dem Kapitalismus und seinen Institutionen entwickeln. Und Sie behaupten, der 1. Mai solle nicht politisch sein. …

Das zu verneinen und den 1. Mai von einem Kampftag zu einem reinen Feiertag zu degradieren, entspricht auch heute nicht den Realitäten. Viele Gewerkschaftsmitglieder sind parteipolitisch orientiert und engagiert, sei es bei den Sozialdemokraten, den LINKEN oder der MLPD. Genau aus diesem Grund treten wir auch für die Überparteilichkeit der Gewerkschaften auf antifaschistischer Grundlage ein. …

Es geht um die Solidarität und die Einheit der Arbeiterklasse, ihrer Organisationen und deren Bekundung am 1. Mai. Aus diesem Grunde können und werden wir es uns nicht nehmen lassen, als organisierte Kraft und Aktionseinheit politischer Organisationen der Arbeiterbewegung auf dem 1. Mai in Emden aufzutreten!”

DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach hat gerade davor gewarnt, daß die Kürzungspolitik in Europa zu einem weiteren Erstarken rechter Parteien führen würde. Den einzigen Ausweg sieht sie in einer “sozialen Gestaltung” Europas – als wenn dies nicht längst geschieht. Daß diese “soziale Gestaltung” des europäischen Kapitalismus nicht im Sinne des Volkes ist, das liegt auch daran, daß die Gewerkschaftsführer sich als Kommis der herrschenden Klasse betätigen und nicht als Organisatoren der Arbeiterbewegung. Das sind die nicht näher bezeichneten “anderen Gründe” der selbsternannten “Führer”.

Klaus Wallmann sen.


Stichworte: 1. Mai, Aktionseinheit, Antikommunismus, Arbeiter, Arbeiterklasse, Demonstration, DGB, Faschismus, Faschist, Geschichte, Gewerkschaft, Internationale, Kapital, Kapitalismus, Kommunismus, Linke, Lüge, Massendemonstration, Massenstreik, Protest, Solidarität, Sozialismus

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