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Zur Kampagne gegen Günter Grass

Von Klaus Wallmann sen | 5. April 2012

Die zutiefst getroffenen Hunde bellen, seitdem der deutsche Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Günter Grass ein Gedicht mit dem Titel “Was gesagt werden muss” veröffentlichte. Nun bin ich kein Freund dieses Autors und seiner bisherigen Werken, der imho alles in allem ein gutbürgerlicher Literat und der bürgerlichen Gesellschaft durchaus genehm ist (war?). Was auch der ihm verliehene Literaturnobelpreis beweist, denn in diesem gesellschaftlichen System erhält nur der solch hohe Ehren zugestanden, der sie sich nach Ansicht der herrschenden Klasse auch wirklich verdient hat.

Um so erschreckender für Grass – verständlich für mich – die aufheulende Hetze gegen ihn in den internationalen und deutschen Medien. Die dortigen “Leitartikel” und “Kommentare” beweisen nicht nur die Klassenrolle dieser Medien, woraus sich deren ideologische Gleichschaltung erklärt, sie beweisen auch die überwiegende Gleichschaltung der Hirne der dort beschäftigten und bezahlten, angeblich ach so freien und unabhängigen Journalisten.

Ein Dichter – dessen ausdrückliche Verbundenheit mit dem Land Israel ich ihm glaube – übt mit 382 Worten Kritik an der Politik des israelischen Staates (wobei der Staat als Machtinstrument der herrschenden Klasse zu verstehen ist!) und dessen imperialistischer Regierung – NICHT an der israelischen Bevölkerung oder an Juden -, die unter dem Vorwand angeblicher iranischer Atompläne selbst zu einem Krieg gegen den Iran zumindest bereit zu sein scheint. Da Grass die Form des Gedichts wählt, kann diese Kritik nicht in ausreichendem Maße politisch-argumentativ untermauert werden. Deren Verkürzung liegt also an der Form, denn daß der Schriftsteller die heutige aggressive Politik der israelischen Politiker (als bürgerliche Politiker und nicht als Juden) meint, das wird selbst in der Form seiner Kritikäußerung deutlich.

Ein weiterer wichtiger Aspekt seines Gedichts ist die Feststellung, daß die historische Schuld des deutschen Volkes kein Grund sein darf, die aktuelle Politik der israelischen Politiker kritiklos hinzunehmen. Daß er sich selbst so lange hinter diesem Vorwand verborgen und geschwiegen habe – das ist eine bemerkenswerte Selbstkritik, zu der so mancher der ihn jetzt Ankeifenden offensichtlich nicht fähig ist.

Das Gedicht selbst ähnelt vom Inhalt her einem Flugblatt der bürgerlichen Friedensbewegung. Grass warnt vor einem israelischen Erstschlag gegen den Iran, er warnt vor einer Atommacht Israel, die den “Weltfrieden” gefährdet, er warnt die deutsche Monopolregierung vor weiteren Waffenlieferungen an Israel und er fordert eine “ungehinderte und permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz”. Dies auszusprechen braucht man keinen Mut, denn dies ist vollkommen richtig. Dies muß nicht noch gesagt werden, dies wurde bereits tausendfach ausgesprochen. Nur eben nicht von einem deutschen Literaturnobelpreisträger. Und der scheint gewußt zu haben warum.

Denn kaum waren die 382 Worte in der Welt wurde ihm “Antisemitismus” unterstellt. Allen voran der sogenannte Publizist Broder, der Grass im Springer-Blatt “Welt” als “Prototyp des gebildeten Antisemiten” diffamierte. Herr Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sprach von einem “Pamphlet der Agitation”, und machte damit erneut deutlich, daß dieser Zentralrat nur eine Dependance des israelischen Staates in der BRD ist. Und der offizielle Vertreter Israels in der BRD, der Herr Nahshon, rückte das Gedicht gar in die Nähe christlicher Ritualmordvorwürfe an Juden vor dem Pessach-Fest. CDU-Generalsekretär Gröhe zeigte sich “entsetzt” und SPD-Generalsekretärin Nahles nannte das Gedicht “irritierend und unangemessen”. Daß Nahles und Konsorten “irritiert” sind, will ich gern glauben, doch das liegt wohl eher nicht am Dichter Grass, sondern an der offensichtlich schon längst und tief verinnerlichten Gleichsetzung von Israel-Kritik und Antisemitismus in ihren Kreisen – aber leider auch darüber hinaus.

Werfen wir einen Blick auf die Ergüsse der freien und unabhängigen bürgerlichen Medien.

“Das Werklein”, so kommt das “Badische Tagblatt” daher, “ist bei Lichte betrachtet ein recht dürftiges Beispiel engagierter Agitprop-Lyrik”. Was ein Kunstkenner bewerten mag. Daß es dem Blatt allerdings gar nicht um Literaturkritik geht wird daran deutlich, daß man bedauernd fortsetzt: “… aber es hat eine klare politische Aussage. Und die wäre in der Tat besser ungesagt geblieben.” So, so.

“Ach, Grass”, seufzt der “Tagesspiegel”, und verweist auf “das Alter”. Die “Nürnberger Nachrichten” reden ebenfalls von einem “fürchterlich aufgeblasen daherkommenden Alterswerk”, das von “alter Stammtisch-Tonlage bestimmt” werde. Die “Allgemeine Zeitung Mainz” schreibt von “dreister Aufgeblasenheit”, die “Rhein-Neckar-Zeitung” von der “Torheit eines Alten”. “Grass irrlichtert”, meint die “Märkische Allgemeine”, während die “Mitteldeutsche Zeitung” von einer “geschichtsvergessenen Eselei” södert. “Erklären kann wohl nur die Psychologie”, so eine “Frankfurter Rundschau” ziemlich dreist.

Bis hierhin wird Grass die “Kritik” wohl ertragen können, geht es doch nur darum, ihn, den deutschen Vorzeige-Schriftsteller, den deutschen Literaturnobelpreisträger in den Augen der Bevölkerung zu desauvouieren. Die, die ihn gestern noch hoch geschrieben haben, versuchen ihn heute klein zu reden – was aber letztlich nur ihrer eigenen Glaubwürdigleit schadet.

Doch es wird auch gelogen.

“Fakt ist” z.B. für die “Pforzheimer Zeitung”: “Der iranische Präsident hat Israel mit Vernichtung bedroht; nicht umgekehrt, wie es Grass suggeriert.” Dieses “Umgekehrte” sieht auch die “Augsburger Allgemeine”: “Der Unterschied zu einem nach Atomwaffen strebenden Iran besteht jedoch darin, dass Israel seine Nachbarn nicht vernichten will, Irans Präsident Ahmadinedschad aber genau dies Israel angedroht hat.” So auch ein Herr Reitz, “Leit”artikler der Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ): “Iran … will Israel von der Landkarte tilgen.” Bei der “Märkischen Allgemeine” ist die Vernichtung Israels gar “Staatsdoktrin im Iran” – dort wolle man “Israel von der Landkarte tilgen”. Auch laut “Sächsischer Zeitung” drohe der Iran “immer wieder unverblümt mit der Vernichtung Israels”. Die “Kieler Nachrichten” erzählen von einem iranischen Präsidenten, der “Israel ein ‘Krebsgeschwür’ nannte, das vernichtet werden müsse”. Auch die “Salzburger Nachrichten” (Österreich) verbreiten, daß “Irans Präsident Ahmadinedschad … Israel immer wieder mit der Auslöschung gedroht” habe.

2008 hatte das ZDF, so wie viele andere bürgerliche Medien, eingestehen müssen: Ahmadinedschad hat 2005 nicht (übrigens auch nie vorher oder später) gedroht, Israel zu vernichten – siehe den Brief des Intendanten unter “Beim zweiten Hingucken sieht man besser”. Auch rz berichtete darüber. Vielmehr hat er 2005, und später noch viele Male mit ähnlichen Worten, gesagt: “Dieses Regime, das Jerusalem besetzt hält, muss von der Seite der Geschichte (wörtlicher: von der Seite der Zeit/des Zeitenlaufs) verschwinden.” (Siehe auch “Was sagte Ahmadinedschad?”)

Es geht in Ahmadinedschads Ausführungen nicht um das Land Israel, nicht um das israelische Volk, nicht um “die Juden”, sondern um das “Regime”, also die Regierung Israels und den israelischen Staat als Machtinstrument der herrschenden Klasse. Das ist der bemerkenswerte Unterschied, der auch den Journalisten der o.a. bürgerlichen Medien, dieser Elite des “Qualitätsjournalismus” bekannt sein dürfte. Wenn sie dennoch diese eindeutige Lüge immer wieder wiederholen – was soll man da noch von ihnen halten? Wie glaubwürdig sind sie?

Die internationalen Zeitungen bringen ihre “Kritik” an Grass häufig mit dessen spät eingestandener Mitgliedschaft in der Waffen-SS in Verbindung. So der “Corriere della Sera” (Italien): “Wer der Waffen-SS angehört hat, sollte vorsichtiger in seinen Urteilen sein.” Aber auch deutsche Blätter, wie der “Südkurier” benutzen dieses Totschlagsargument, verstärkt dieser Hinweis doch die Glaubwürdigkeit des Antisemitismus-Vorwurfes.
“Hier verspritzt ein alter Mann sein antisemitisches Gift”, so die “Kieler Nachrichten”. Und Ulrich Reitz, Leitartikler der “Westdeutschen Allgemeinen Zeitung” (WAZ) stimmt philosophierend ein: “Grass’ Ansichten sind skandalös. Und sie sind antisemitisch, weil sie unterstellen, wer Kritik an Israels Politik übe, werde stets als Antisemit rhetorisch totgeschlagen. Dass das so sei, behaupten aber nur Antisemiten.” Die heilige Einfalt sollte man an dieser Stelle nicht beschwören, auch wenn Herr Reitz zu meinen scheint, seine Leser als einfältig verkaufen zu dürfen.

Reitz und Co. propagieren die offizielle staatliche Meinung, also die Meinung der herrschenden Klasse, der bekanntlich auch die Medien gehören. Sie verteidigen die Doktrin des israelischen Staates, der all seine aggressiven Handlungen mit seinem Recht auf Selbstverteidigung begründet. Eine Kritik daran wird sofort als Infragestellung des Existenzrechts des Landes Israel denunziert. Man verzichtet ganz bewußt auf eine sorgsame Unterscheidung von Land und Volk gegenüber Staat und Regierung, denn dies ist die Basis der ganzen Demagogie. Zu dieser gehört gerade in Kriegszeiten ein funktionierendes Feindbild. Und das ist in diesem Fall der Iran. “Das Land, das uns Sorgen bereitet, ist der Iran. Davon lenkt sein Gedicht ab”, erklärt es uns der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, der Herr Rupert Polanz von der CDU. Und das ist mal sehr glaubwürdig.

Zur Ehrenrettung des deutschen Journalismus sei auf einige andere Artikel verwiesen, die der Versuchung blanker Hetze widerstanden. So fragt z.B. die “Leipziger Volkszeitung”: “Aber ist Günter Grass ein Antisemit? Ist er, wie Henryk M. Broder behauptet, gar ‘der ewige Antisemit’? Nein, das ist Günter Grass nicht. Wer diesen Vorwurf macht, sollte Beweise vorlegen. Aber weder Broder, noch Emmanuel Nahshon, Gesandter der israelischen Botschaft in Deutschland, können das. Stattdessen wühlen sie in der Schublade mit den Totschlagargumenten und bestätigen damit doch nur Grass …”

Ähnlich das “Offenburger Tageblatt”: “Günter Grass ein Antisemit, weil er Israel kritisiert? Weil dem deutschen Literaturnobelpreisträger die Zuspitzung des Atomkonflikts mit dem Iran nicht gefällt? Weil er der Meinung ist, dass auch Israels Atompotenzial international kontrolliert gehört? Die durch ein Gedicht ausgelöste Debatte hört sich nach einem schlechten Witz an. Ist aber tatsächlich ein typisch deutscher Reflex der veröffentlichten Meinung. Die offene Kritik an Israel gehört auch 67 Jahre nach Kriegsende in die Kategorie Tabubruch. Doch die deutsche Vergangenheit und der Holocaust sollten keine Gründe sein, zu schweigen. Im Gegenteil: Sie sind Verpflichtung die Stimme zu erheben, wenn sich Untolerierbares anbahnt.”

Was sicher auch ein Grund für Johano Strasser, den Präsidenten des deutschen Pen-Zentrums war, im Radiosender NDR Kultur seine Stimme für Grass zu erheben. Dort warnte er vor Waffenexporten an eine israelische Regierung, die den Anschein erwecke, ein Krieg gegen den Iran sei unausweichlich.

Wenn der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, “die ganze Aufregung nicht verstehen” kann (Mitteldeutschen Zeitung), so spricht das eher für sein unzureichendes Verständnis dieser Gesellschaftsordnung. Dennoch ist es richtig, daß er die “Kritik” an Grass zurückweist. “Man muss ein klares Wort sagen dürfen, ohne als Israel-Feind denunziert zu werden. Die reflexhaften Verurteilungen als Antisemit finde ich nicht angemessen.” Zudem habe Grass nur “seiner Sorge Ausdruck verliehen. Diese Sorge teilt er mit einer ganzen Menge Menschen”.

Das Gedicht (als Kulturbanause bin ich immer noch der Meinung, solche müßten sich reimen) kam zur richtigen Zeit. Ob es künstlerisch wertvoll ist, mögen andere beurteilen. Seine Bedeutung erlangt es durch den bekannten Namen des Dichters, wodurch es breite Aufmerksamkeit erregt. Und die wird nicht nur negativ sein. “Was gesagt werden muss”, wurde bereits oft und von vielen gesagt. Nun tat es ein Berühmter.

Der 84-jährige stellt aktuell fest: “Es ist mir aufgefallen, dass in einem demokratischen Land, in dem Pressefreiheit herrscht, eine gewisse Gleichschaltung der Meinung im Vordergrund steht und eine Weigerung, auf den Inhalt, die Fragestellungen, die ich hier anführe, überhaupt einzugehen.” (Zeit) Nun, lieber Herr Grass, die “Pressefreiheit” ist vor allem die Freiheit der herrschenden Klasse, jede Lüge zu verbreiten, die ihr in den Kram paßt, und mit Menschen wie Ihnen so umzuspringen, wie sie es gerade tut. Ziel dieser Freiheit ist es tatsächlich, die öffentliche Meinung der Meinung der herrschenden Klasse so weit es geht anzupassen. Dies zu erkennen ist es nie zu spät. Und im Übrigen: Was stört es eine alte Eiche, wenn die Hunde ihn anpinkeln.

Klaus Wallmann sen.


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