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KKG Zwickau: Extremer Workshop

Von Klaus Wallmann sen | 26. Januar 2012

Ein rz-Leser wies mich dieser Tage auf den Artikel eines Abiturienten auf der Website des Zwickauer “Käthe-Kollwitz-Gymnasiums” (KKG) hin, der über einen “Präventionsworkshop gegen (Links-)Extremismus” berichtet. Die Veranstaltung fand zwar bereits am 23. November des vorigen Jahres statt, eine Beschäftigung damit ist jedoch auch heute noch nicht uninteressant.

Veranstaltet wird dieser “Präventionsworkshop” von der Deutschen Gesellschaft e.V. (DG), die diese “Interaktivität” den Schulen auch in diesem Jahr wieder wie Sauerbier anbietet. Man will angeblich darlegen “welche Gefahren … vom Rechtsextremismus und vom Linksextremismus” ausgehen, wobei man Letzteres als “ein bisher kaum erforschtes Phänomen” bezeichnet. “Kaum erforscht” – aber die Deutsche Gesellschaft kann dennoch darlegen … Aufgewartet wird wie immer mit der undifferenzierten Behauptung, daß “auch die Zahl linksextremistischer Gewalttaten in den letzten beiden Jahren deutlich gestiegen ist”.

Workshop-Leiterin zum Thema “politischer Extremismus” ist die DG-Referentin Dr. Heike Tuchscheerer. Googelt man ein wenig, so stellt man schnell fest, daß sich im KKG wiedermal der Geist der üblichen Verdächtigen eingefunden hat. Frau Dr. Tuchscherer ist ebenfalls ein Ziehkind des Lehrstuhlinhabers der Professur Politische Systeme, Politische Institutionen an der Chemnitzer TU, Prof. Dr. Eckhard Jesse. Und auf der Website der DG findet sich sowohl die Konrad-Adenauer-Stiftung als Partner, wie auch der als “Hochschullehrer” ausgewiesene Herr Baring wieder. (Mehr dazu im rz-Archiv)

Der Artikel des KKG-Schülers Ricardo B. ist denn auch die Widerspiegelung dieser Art extremistischer Indoktrination, gerichtet an die “Schüler der Geschichte-Leistungskurse der Jahrgangsstufen 11 und 12″. Der “Schwerpunkt Linksextremismus” wird mit dem Feigenblatt einer “frühere Veranstaltung” drapiert, auf der man sich ja schon “intensiv mit dem Rechtsextremismus und der NPD” beschäftigte. Da diese jedoch schon 2008 stattfand, ist kaum davon auszugehen, daß es sich bei der “Linksextremismus”-Veranstaltung um den selben Teilnehmerkreis handelte.

Jesse-Zögling Tuchscheerer kam natürlich nicht umhin die aktuellen Ereignisse um die rechtsextremistische Vereinigung “Nationalsozialistischer Untergrund” (NSU) an den Anfang des Workshops zu stellen. Ob sie dabei auch auf das “Versagen” des Staates und seiner Instrumente einging, berichtet der Abiturient nicht. Auf jeden Fall müßte die Blutspur deutlich geworden sein, die der faschistische Terror in Deutschland hinterlassen hat. Wie dann die Frage auftauchen konnte, “ob der Links- oder der Rechtsextremismus gefährlicher sei”, bleibt mir ein Rätsel, wobei dies gleichzeitig ein grelles Licht auf die Qualität dieses Workshops wirft.

Der KKG-Schüler berichtet in diesem Zusammenhang noch von einem “statistischen Vergleich zwischen Links- und Rechtsextremismus”, und dabei kam heraus, “dass Linksextreme mehr Sachbeschädigungen und Rechtsextreme mehr Körperverletzungen” verüben. Nach der o.a. undifferenzierten Betrachtung der Anzahl “linksextremistischer” “Gewalttaten” kommt an dieser Stelle wenigstens einmal ein qualifizierender Aspekt ins Spiel, so daß es um so unverständlicher ist, daß die Frage nach der Gefährlichkeit letztendlich unbeantwortet “im Raum” stehenblieb.

Statt sie zu beantworten wandte sich Dr. Heike Tuchscheerer lieber der Musik zu. Den Schülern wurde das Lied “Kein Gerede” der Sindelfinger Punkband “Wizo” zu Gehör gebracht. Dieses wurde 1995, vier Jahre(!) nach der Veröffentlichung, von der Staatsanwaltschaft wegen “Aufforderung zu Straftaten” verboten und daraufhin indiziert. Daß “Extremismus-Expertin” Tuchscheerer den Schülern diese Band als eine “linksextremistische” verkauft, das dürfte an ihrer verquasten Ausbildung und im Sinn der gemeinsamen Sache liegen. Wer sich auch nur am Rande mit der Auffassung Linker zum individuellen Terror befaßt hat, kann in diesem Text lediglich die anarchistischen Illusionen einiger Punk-Musiker erkennen, die über ihre berechtigte Empörung nicht hinaus gekommen sind.

Voller Staunen erfuhr ich dann, daß sich die Schüler auch mit einem Flugblatt der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD) auseinandergesetzt haben, wobei es sich nach meinen Informationen um den 1.Mai-Aufruf der MLPD aus dem Jahre 2011 gehandelt haben soll. So positiv die Beschäftigung mit dieser durch die bürgerlichen Medien gewöhnlich totgeschwiegenen Partei ist – auch an dieser Stelle des “Workshops” wird den Schülern keine Möglichkeit gelassen, sich selbst eine Meinung zu bilden. Die MLPD ist eine “linksextremistische” Partei. Punktum! Dennoch, so der Abiturient, erhielten die Schüler auf diese Weise “einen konkreten Einblick in die inhaltlichen Forderungen” und die dazu verwendeten “sprachlichen Mittel”, ohne allerdings darauf einzugehen. Wenden wir uns also den MLPD-Forderungen zu, damit wir wissen, worum es denen geht.

Der Aufruf prangert die Ausbeutung an, Massenentlassungen, Armut und Hunger weltweit, während die Vermögen der 1.210 Milliardäre auf 4,5 Billionen Euro gestiegen sind. Was aber eher nicht “linksextremistisch”, sondern extrem kapitalistisch ist. Man weist auf die geplatze Lebenslüge vom “Restrisiko” der Atomenergie hin – was die “Grünen” auch tun. Man verurteilt die Kriege in Afghanistan, Irak, Libyen – das tun die Organisationen der bürgerlichen Friedensbewegung auch. Man verweist auf die Abwälzung der Krisenlasten auf die Völker Europas – was nicht jeder so deutlich ausspricht. Man verweist auf die tiefer werdende Krise des Kapitalismus, der alle Menschheitsprobleme verschärft und existenzbedrohend wird. Man verweist auf das Mittel des Antikommunismus, mit dem die Herrschenden “all jene zu diffamieren und auszugrenzen” suchen, “die sich selbstlos für eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung einsetzen und für eine revolutionäre sozialistische Alternative einstehen”. Diese, so stellt man fest, kann die Arbeiterwewegung nur durch “die Koordinierung und Revolutionierung der Kämpfe in den verschiedenen Ländern” und im “Bündnis mit allen Unterdrückten” durchsetzen.

All das ist für die herrschende Klasse und ihre Wasserträger Jesse, Baring oder Tuchscheerer schon schlimm genug – und also “linksextremistisch”, doch der Ruf “Vorwärts zur Arbeiteroffensive” und die Forderung, daß “nicht mehr Mehrwert und Akkumulation des Kapitals im Mittelpunkt” stehen sollen, sondern “die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschheit in Einheit mit der Natur”, muß ihnen auch den letzten Rest von Verstand rauben. Natürlich und zu Recht sehen diese Damen und Herren darin einen Angriff auf das kapitalistische System, das sie unter Begriffen wie “Soziale Marktwirtschaft” und “Demokratischer Rechtsstaat” als das beste System aller Zeiten und Welten darstellen.

Konkret listete der 1. Mai-Aufruf der MLPD folgende Forderungen auf:

Für viele dieser Forderungen treten auch Menschen ein, die nie etwas von der MLPD gehört haben. Und sicher gibt es auch an den Schulen in Deutschland (vielleicht sogar im KKG) Jugendliche, die die Stilllegung der AKW oder den Abzug der NATO-Truppen, darunter die Bundeswehr, befürworten. Nicht einmal Frau Tuchscheerer würde diese Menschen als “Linksextremisten” bezeichnen, denn dann wäre die Mehrheit der Deutschen “linksextrem”. An diesen Forderungen wird auch die Demagogie des Vergleichs mit dem Text der Punk-Band deutlich, dem erst das Verbot des Staats(!)anwalts zum Kultstatus in der Szene verhalf.

Die herrschende Klasse und ihre Wasserträger erschrecken noch immer vor dem Ruf “Proletarier aller Länder, vereinigt euch!”, den die MPLD in ihrem Aufruf mit der Losung “Proletarier aller Länder und Unterdrückte, vereinigt euch!” ergänzt. Bedeutet dies doch die Abschaffung ihrer Herrschaft, und dagegen wehren sie sich mit allen Mitteln. Dieser “Workshop” gehört dazu.

Der Abiturient berichtet dann noch, daß sich die Schüler “allgemeine Handlungsempfehlungen gegen Extremismus” erarbeitet hätten, ohne jedoch allzu konkret zu werden. Nur auf das “Engagement in demokratiefördernden Einrichtungen” wird explizit hingewiesen. Womit wohl solche Einrichtungen wie die veranstaltende DG, die Konrad-Adenauer-Stiftung oder das Zwickauer “Bündnis für Demokratie und Toleranz” gemeint sind. Die MLPD wird man eher nicht in Erwägung ziehen – aus den erwähnten Gründen.

Abschließend gab es noch eine “eine Diskussionsrunde, in der die Teilnehmer voll Leidenschaft ihren Rollen gerecht wurden”. Dieser Satz bleibt mir irgendwie unverständlich, vor allen die Formulierung “ihren Rollen gerecht”. Klingt irgendwie nach Statisten.

Als 2006 auch am KKG die “Patriotismus”-Debatte mit Jesse, Rössler und Baring lief, stellte ein rz-Leser fest, daß man “schon Bauchschmerzen bekommen (kann), sollte das gesamte Lehrpersonal genauso denken”. Und er fragte: “Wo bleiben jetzt Stimmen aus der KKG-Lehrerschaft, die andere Auffassungen vertreten? Kommen sie nicht, was kann man dann über die gesamte Lehrerschaft des KKG denken, welche Schlußfolgerungen muss man daraus logischerweise ziehen, welches Urteil über die Haltung und auch “Qualität” der Lehrerschaft des KKG wird dann folgerichtig?”

Sechs Jahre später stehen diese Fragen noch immer unbeantwortet im Raum.

Klaus Wallmann sen.


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Thema: Bildung/Ausbildung, Politik | Kommentare deaktiviert
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