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Niedriglöhner sterben früher

Von Klaus Wallmann sen | 13. Dezember 2011

Eine große Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hat als Antwort der Monopolregierung ergeben, daß – während die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland steigt – die Lebenserwartung bei Geringverdienern sinkt. Lag diese zum Jahrtausendwechsel noch bei im Schnitt 77,5 Jahren, waren es 2010 nur mehr 75,5 Jahre. In den “neuen” Bundesländern sieht es noch drastischer aus. Dort sank die Lebenserwartung von Niedriglöhnern im gleichen Zeitraum von 77,9 auf 74,1 Jahre.

Das Staatsfernsehen versuchte gestern abend diese Fakten zu relativieren, also schönzureden, doch selbst das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat im August 2010 festgestellt, daß besser verdienende Beschäftigte bis zu fünf Jahre länger leben als Beschäftigte mit niedrigerem Einkommen. Wobei sich auch das DIW an den Ursachen vorbeizumogeln suchte. Nicht die Arbeitsbedingungen, nicht das Niveau der Gesundheitsversorgung – also gesellschaftliche Verhältnisse – sind schuld am früheren Tod, sondern der weniger “verantwortungsvolle” Umgang der Niedriglöhner mit ihrer Gesundheit.

Der wenig “verantwortungsvolle” Umgang armer Menschen, deren Zahl ständig wächst, ist allseits bekannt. Aus reiner Verantwortungslosigkeit gehen sie nicht zum Arzt – oder weil sie die 10 Euro Praxisgebühr nicht aufbringen können? Aus reiner Verantwortungslosigkeit holen sie sich nicht die verschriebenen Medikamente – oder weil sie die Zuzahlungen dafür nicht aufbringen können? Aus derselben reinen Verantwortungslosigkeit kaufen sie billige, ungesunde Lebensmittel – oder weil es zu gesunden, aber teureren nicht reicht?

Die Zahl dieser “verantwortungslosen” Menschen wird ab 01. Januar 2012 weiter wachsen, denn an diesem Tag beginnt die schrittweise Umsetzung der “Rente mit 67″, die eine verantwortungsvolle Monopolregierung für uns vorgesehen hat. Allerdings ist die Zahl der über 60-Jährigen, die sich in einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis befinden, relativ klein. Nur 9,3 Prozent aller 64-Jährigen und nur 5,5 Prozent der 64-jährigen Frauen befanden sich am 31. März 2011 in Vollzeitbeschäftigung.
Von Menschen im Alter zwischen 60 und 64 Jahren hatten lediglich 26,4 Prozent einen “Job”. Nur bei 18,7 Prozent all dieser Menschen war es ein Vollzeitjob.

Die Konsequenz der Erhöhung des Renteneintrittsalters sind massive Rentenabschläge, d.h. weniger Geld für einen verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Gesundheit. Aber auch diejenigen, die sich zwingen länger zu arbeiten, um der drohenden Altersarmut und dem früheren Tod ein Schnippchen zu schlagen, handeln letztendlich verantwortungslos, denn auch dieser Zwang und der ständige psychische Druck angesicht der Lage auf dem Arbeits”markt” wird sie früher sterben lassen.

Erneut wird deutlich, daß die volksfeindliche Renten”reform” tatsächlich ein gigantisches Rentensenkungsprogramm ist. Zugunsten des herrschenden Kapitals.

Denn vorgeblich als Schutz vor Alterarmut – nachdem man sich Jahrzehnte hat ausbeuten lassen – erfanden die politischen Kommis der herrschenden Klasse die private Altersvorsorge namens Riester-Rente. Und wieder war es u.a. das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das in einer Studie nicht daran vorbeikam festzustellen, daß z.B. eine Frau, die 2001 eine Riester-Rente abgeschlossen und bis zum 67. Lebensjahr Beiträge eingezahlt hat, mindestens 90 Jahre alt werden muß, um wenigstens auf eine Rendite von 2,5 Prozent zu kommen. Was deutlich macht für wen derlei Verträge wirklich gut sind: für Versicherungs- und Bankmonopole.
Inzwischen – vor dem Hintergrund des krisenbedingten Zinsniveaus und der Absenkung des Garantiezinses zum 01.01.2012 – ist nicht einmal mehr garantiert, daß das eingezahlte Geld zum Zeitpunkt des Rentenbeginns überhaupt noch vorhanden ist.

Der Sozial­verband VdK Deutschland hat auf die o.a. Zahlen der Bundesregierung wieder einmal mit “Erschrecken” reagiert. “Schlechte Arbeitsbedingungen und Niedriglohn machen krank, verursachen Altersarmut und lassen Menschen früher sterben”, stellt auch Präsidentin Ulrike Mascher (SPD) fest. Angesichts der Tatsache, daß dies eine seit langem bekannte Erkenntnis ist, und ein “Sozialverband” eigentlich diese Zahlen aus seiner eigenen Tätigkeit heraus kennen sollte, bleibt das “Erschrecken” unverständlich. Aber gut daß Frau Mascher – wie die MLPD – einen Stopp der “Rente mit 67″ fordert.

Die MLPD kämpft zudem aber noch gegen die Ursachen der wachsenden Armut. So fordert sie die Abschaffung der volksfeindlichen Hartz-Gesetze, als eines der staatlichen psychologischen Druckmittel gegen die Arbeiter und Arbeitslosen. Und statt der “Rente mit 67″ fordert diese Partei die Herabsetzung des Rentenalters für Männer auf 60, für Frauen auf 55 Jahre  bei vollem Rentenausgleich, die Festsetzung einer staatlichen Mindestrente unabhängig von der persönlichen Berufstätigkeit, sowie die Einbeziehung der alten, kranken und behinderten Menschen in das gesellschaftliche Leben und volle Übernahme ihrer Pflegekosten durch die Monopole und den Staat. Also zu Lasten der Profite.

Was nun wieder ein “wenig ‘verantwortungsvoller’ Umgang” mit der herrschenden Klasse und ihren politischen Kommis ist. Aber die bilden den geringsten Teil unserer Gesellschaft.

Klaus Wallmann sen.


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