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Lübeck: 10.000 Kinder und Weihnachten

Von Klaus Wallmann sen | 30. November 2011

In der sogenannten Regelleistung der sogenannten JobCenter ist das Weihnachtsfest mit seinen Traditionen nicht berücksichtigt. All denjenigen, die ständig die abendländische Kultur im Munde führen und ihren Parteien das Attribut “christlich” voranstellen, sollte dies die Schamesröte ins Gesicht treiben – tut es aber nicht. Daß man mit Hartz IV “keine angemessenen Weihnachtsgeschenke für die Kinder kaufen kann”, das bestätigt auch der “sozialdemokratische” Sozialsenator der Stadt Lübeck, Sven Schindler. Doch das Begehren der Bürgerschaftsfraktion der Partei DIE LINKE muß er zurückweisen. Die Stadtkasse sei für derlei Nächstenliebe zu klamm, denn es gehe “immerhin um rund 10 000 Kinder”.

Die linke Bürgerschaftsfraktion hatte vorgeschlagen, daß die Stadt Gutscheine für Bücher oder Spielzeug finanziere, damit alle von Hartz IV, Sozialhilfe oder Grundsicherung lebenden Kinder wenigstens eine Ahnung von einem richtigen Heiligabend bekommen.

Da die Stadt wie viele andere Kommunen knapp bei Kasse ist, appelliert Sozialsenator Schindler nun an die finanziell besser gestellten Bürger seiner Stadt, fleißig an die karitativen Einrichtungen zu spenden. Diese hätten den direkten Draht zu den “Bedürftigen”.

Die Caritas, die ja wohl eine dieser “karitativen Einrichtungen” ist, scheint dies jedoch nicht so zu sehen. Eine Frau Martini verweist schlicht auf den sogenannten Bildungsfonds und das sogenannte Hartz-IV-Teilhabepaket, die doch die “Bedürftigen” entlastet hätten. “Es ist durchaus möglich, mit Hartz IV ein Weihnachtsfest zu feiern”, konstatiert die stellvertretende Caritas-Geschäftsführerin, und liefert uns damit ein klares Bild über die “tätige Nächstenliebe” (caritas) in ihrer katholischen Form. Um diese zu “begründen” verweist die Dame auf all diejenigen, die mit ihrem Einkommen knapp über der “Bedürftigkeits”grenze liegen, die mit einer derartigen weihnachtlichen Beihilfe ausgegrenzt würden. Was mich nun wieder sofort an die “Argumentation” eines Herrn Hundt erinnert, wenn dieser das sogenannte Lohnabstandsgebot dazu benutzt, die niedrigen Hartz-IV-Bezüge zu begründen.

Die Gewerkschaft in Person des DGB-”Erwerbslosenberaters” Amelong weiß wie Frau Martini nur auf das Projekt Toys Company hinzuweisen, wo gebrauchtes Spielzeug für arme Familien aufbereitet wird. Diese sollen sich gefälligst auf den Weg machen – Raus aus der Hängematte! – und beim sogenannten JobCenter Adressen solcher Einrichtungen erfragen.

Das JobCenter selbt verneint definitiv irgendwelche Extra-Zuschüsse, nur weil Weihnachten vor der Tür stehe. “Geschenke an Dritte sind durch die Regelleistung abgedeckt”, behauptet der ARGE Geschäftsführer, und rät den 29.116 Hartz-IV-Beziehern seiner Stadt doch in Zukunft langfristig auf die verschiedenen Feiertage zu sparen. Klar, von den rund 6 Euro am Tag kann man schon ein erkleckliches Sümmchen zurücklegen. Und ansonsten gibt es ja auch noch die zahlreichen Sonderaktionen des Einzelhandels, wo man zuschlagen könne.

Und dann ist da noch Frau Kaske, eine von denen, die – wie ich oben bereits anmerkte – gern die abendländische Kultur verteidigen und einer Partei angehören, die das Attribut “christlich” im Namen führen. Die CDU-Sozialexpertin Kaske nun findet, daß der Vorstoß der Linken zu spät komme. Was durchaus richtig ist, denn auch das Weihnachtsfest im vorigen Jahr war für viele tausend Kinder in unserem reichen Land durchaus kein gesegnetes. Doch wo war der “Vorstoß” der “christlichen Demokraten”? Im vorigen Jahr, in diesem Jahr?

Außerdem, so Frau Kaske, würde diese christliche Nächstenliebe einen “viel zu großen Verwaltungsaufwand auslösen”. Statt dessen solle man doch lieber “die Super-Aktion der Sozialläden” wieder aufleben lassen. Was sie meint ist eine sogenannte “Wunschbaumaktion”, bei der rund 800 “bedürftige” Kinder – von den oben erwähnten 10.000 – beschenkt wurden. “Aufleben lassen” deutet darauf hin, daß es diese Aktion nicht mehr gibt. Warum, das erklärt Peter Hadeball von der Fortbildungsakademie Lübeck: “Diese Aktion gibt es nicht mehr, weil alle unsere Einnahmen aus den Sozialläden an den Auftraggeber zurückgeführt werden.” Und der Auftraggeber ist: Das sogenannte JobCenter. Der alte Begriff “ARGE” beschrieb diese Institution meiner Meinung nach besser.

Und ganz zum Schluß dieser freudlosen Vorweihnachtsgeschichte aus Lübeck, die jedoch nur stellvertretend für wohl alle Städte und Kommunen steht, die Meldung des Deutschen Städtetags, daß ihm keine größeren Kommunen bekannt sind, die eine kommunale Weihnachtsbeihilfe auszahlen.

Weihnachtslied
Chemisch gereinigt

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mutter schenkte Euch das Leben.
Das genügt, wenn man’s bedenkt.
Einmal kommt auch Eure Zeit.
Morgen ist’s noch nicht so weit.

Doch ihr dürft nicht traurig werden.
Reiche haben Armut gern.
Gänsebraten macht Beschwerden.
Puppen sind nicht mehr modern.
Morgen kommt der Weihnachtsmann.
Allerdings nur nebenan.

Lauft ein bißchen durch die Straßen!
Dort gibt’s Weihnachtsfest genug.
Christentum, vom Turm geblasen,
Macht die kleinsten Kinder klug.
Kopf gut schütteln vor Gebrauch!
Ohne Christbaum geht es auch.

Tannengrün mit Osrambirnen -
Lernt drauf pfeifen! Werdet stolz!
Reißt die Bretter von den Stirnen,
Denn im Ofen fehlt’s an Holz!
Stille Nacht und heil’ge Nacht -
Weint, wenn’s geht, nicht! Sondern lacht!

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld!
Morgen, Kinder, lernt für’s Leben!
Gott ist nicht allein dran schuld.
Gottes Güte reicht so weit …
Ach, du liebe Weihnachtszeit!

Klaus Wallmann sen.

Quelle: Lübecker Nachrichten, 24.11.2011


Stichworte: ARGE, Armut, Einkommen, Grundsicherung, Hartz IV, JobCenter, Kinder, Kirche, Kommunen, Lübeck, Regelleistung, Sozialhilfe, Spende, Weihnachten, Wohltätigkeit

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1 Kommentar zu “Lübeck: 10.000 Kinder und Weihnachten”

  1. landbewohner meint:
    30. November 2011 um 15:05

    die kommunen sind eben das schwächste bzw letzte glied der kette der “asozialen”. und die faschistischen h4 gesetze werden weder durch mildtätigkeit noch einmalzahlungen der kommunen ausser kraft gesetzt. und ist es schlimmer für die kinder an weihnachten ohne geschenke dazustehen oder aber für ihre ganze kindheit bzw jugend durch den v.d.leydenstern ausgegrenzt und von besserer bildung ausgeschlossen zu sein??
    ich denke letzteres und evtl kapiert ja auch mal das dösige klein- bis blidungsbürgertum was in diesem lamd passiert und geht auf die strasse. dann könnten zumindest in einigen jahren alle kinder wieder weihnachten feiern – auch wenn ich kein freund klerikaler rituale bin.

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